"Chinarinde"
(Die geistige Tinctur sowohl von der feinröhrichten, als der Königs-Chinarinde, Cinchona officinalis)
Nächst dem Mohnsafte kenne ich keine Arznei, welche in Krankheiten
mehr und häufiger gemißbraucht und zum Schaden der Menschen
angewendet worden wäre, als die Chinarinde.
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Ich weiß gar wohl, daß fast alle typische Krankheiten und
fast alle, auch nicht für China geeigneten, Wechselfieber vor der
übermächtigen Rinde in, wie gewöhnlich, so ungeheuern, und
so oft wiederholten Gaben gereicht, verstummen und ihren Typus verlieren
müssen; aber sind dann die armen Leidenden nun auch wirklich gesund?
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Wahr ist´s, sie können nicht mehr klagen, daß
der Paroxysm ihrer vorigen Krankheit zu gewissen Tagen und Stunden wieder
erscheine; aber seht, wie erdfahl sind ihre gedunsenen Gesichter, wie matt
sind ihre Augen! Seht, wie engbrüstig sie athmen, wie hart und aufgetrieben
ihr Oberbauch, wie hart geschwollen ihre Lenden, wie verdorben ihr Appetit,
wie häßlich ihr Geschmack, wie belastend und hart drückend
in ihrem Magen jede Speise, wie unverdauet und unnatürlich ihr Stuhlgang,
wie ängstlich, traumvoll und unerquickend ihre Nächte! Seht,
wie matt, wie freudenlos, wie niedergeschlagen, wie ärgelich eimpfindlich
oder stupid sie umherschleichen, von einer weit größern Menge
Beschwerden gequält, als bei ihrem Wechselfieber! Und wie lange dauert
oft nicht dergleichen China-Siechtum, wogegen nicht selten der Tod ein
Labsal wäre! Ist das Gesundheit? Wechselfieber ist´s nicht.
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Am unerträglichsten und unverantwortlichsten ist aber der ungeheure
Mißbrauch, den die allherrschende, sich für ausschließlich
rationell ausgebende Arzneischule von dieser so stark wirkenden Rinde in
allen Arten von Schwächen macht.
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Es gibt allerdings Fälle, wo in der Schwäche die Krankheit
selbst liegt, und hier ist die Rinde das passendste Heil und Stärkungsmittel
zugleich. Dieser Fall ist, wie die Leiden des Kranken allein oder hauptsächlich
aus Schwäche vor Säfteverlust entstehen, durch großen Blutverlust
(auch vieles Blutlassen aus der Ader), starken Milchverlust der Säugenden,
Speichelverlust, häufigen Saamenverlust, große Eiterung, (heftige
Schweiße) und Schwächung durch öftere Laxanzen, wo dann
fast alle übrige Beschwerden des Kranken mit den Chinasymptomen in
Aehnlichkeit überein zu stimmen pflegen.
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Man wird die Chinarinde, als in erster Wirkung ungemein leiberöffnend
(m.s. die unter 178 angeführten Symptome), deßhalb auch in einigen
Fällen von Durchfall sehr hülfreich finden, wo dem übrigen
Befinden die andern Chinasymptome nicht unangemessen sind.
So wird man in den Fällen, wo sogenannter feuchter Brand an den äußern Theilen zu bekämpfen ist, auch den der Chinarinde eignen Symptomen sehr ähnliche Krankheits-Symptome im übrigen Befinden des Kranken gewöhnlich wahrnehmen; deßhalb ist sie in diesen Fällen so heilsam.
Die allzu leichte und öftere, krankhafte Erregung der Geschlechtsorgane zur Saamenausleerung, selbst durch geringe Reize im Unterbauche veranlaßt wird durch die Rinde (ihren eigenthümlichen Symptomen dieser Art zufolge) in der kleinsten Gabe sehr dauerhaft gehoben.
Ich habe zuweilen Schmerzanfälle, die bloß durch Berührung
(oder geringe Bewegung) des Theils erregt werden konnten, und dann almählig
zu der fürchterlichsten Höhe stiegen, und nach den Ausdrücken
des Kranken denen sehr ähnlich waren, die China erzeugen kann, durch
eine einzige kleine Gabe dieser verdünnten Tinctur auf immer gehoben,
wenn der Anfall auch schon sehr oft wiedergekommen war; das Uebel war homöopathisch
(s. Anm. Zu /426./) wie weggezaubert und Gesundheit an seiner Stelle. Kein
bekanntes Mittel in der Welt würde dieß vermocht haben, da keins
dieses Symptom ähnlich, in erster Wirkung, zu erzeugen fähig
ist.
Fast nie wird man die Rinde heilsam finden, wo nicht ähnliche
Störungen der Nachtruhe, als diese Arznei bei Gesunden erzeugt (und
die man unten findet), mit zugegen sind.
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Ein Wechselfieber muß demjenigen sehr ähnlich seyn, was
China bei Gesunden erregen kann, wenn diese das geeignete, wahre Heilmittel
dafür seyn soll, und dann hilft eine einzige Gabe in obgedachter Kleinheit
- doch am besten gleich nach Vollendung des Anfalls eingegeben, ehe sich
die Veranstaltungen der Natur zum nächsten Paroxysm im Körper
anhäufen. Um ein nicht von Chinarinde heilbares Wechselfieber mit
großen Gaben dieser mächtigen Substanz nach gemeiner Art zu
unterdrücken, pflegt man sie kurz vor dem Anfalle zu geben, wo sie
diese - in ihren Folgen so nachtheilige - Gewaltthätigkeit vielleicht
gewisser bewirken kann.
Chinarinde kann einen Wechselfieberkranken in Sumpfgegenden nur dann
von seiner mit Chinasymptomen in Aehnlichkeit übereinkommenden Krankheit
dauerhaft heilen, wenn der Kranke während seiner Cur und seiner gänzlichen
Erholung bis zu vollen Kräften außer der Fieber erzeugenden
Atmosphäre sich aufhalten kann.
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Handelsübliche Chinarinde wurde gepulvert.
s.a. Homöopathisches Arzneibuch, 1. Ausgabe 1978, S. 342
"Cinchona succirubra"
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