Mandragora officinarum (Fam. nat. Solanaceae),
die Alraune (das Wort Alraune stammt aus dem Althochdeutschen und bedeutet
Geheimnis), wächst im Nahen Osten und in den Mittelmeerländern.
Sie kann als eines der ältestbekannten und bedeutsamsten Arzneimittel
gelten und wurde schon im Papyros EBERS erwähnt. PYRHAGORAS gibt an,
daß die Mandragora wegen ihrer menschenähnlichen Wurzel im Kultus
sämtlicher Völker als Zaubermittel verwandt wurde. Alle Überlieferungen
sind mit einem geheimnisvollen Zauber umgeben, welche ihren Grund vermutlich
in der narkotisierenden und erotisierenden Wirkung haben dürfte. Als
Liebestrank wird sie selbst in der Bibel erwähnt, da der Erzvater
Jakob die Mandragora von seiner Ehefrau Rahel erhielt, nachdem er seine
Liebe der Nebenfrau zugewandt hatte. Bei den Griechen galt die Wurzel,
welche den Menschen in die Abgründe seiner Triebhaftigkeit stürzte,
als das Kraut des giftigen Liebeszaubers, mit dem die Zauberin Zirke die
Menschen ihres Menschentums berauben und sie in Tiere verwandeln konnte.
Sie war der Hekate, der Göttin der Unterwelt, geweiht; diese vermochte
damit Tollheit und Wahnsinn zu erregen und zur Liebesleidenschaft zu zwingen.
Es war daher kein Wunder, daß auch das frühe Christentum in
dieser Wurzel das Sinnbild des in die Triebhaftigkeit und den Wahnsinn
verstrickten Menschen sah und die Pflanze in Verruf brachte.
Anwendung
Im Altertum bis in den Beginn der Neuzeit herein
war die Alraune als ein Heilmittel gegen Depressionen bekannt. Sie war
als schlafbringendes und schmerzbeseitigendes Mittel sehr geschätzt;
als Anästhesie erzeugendes Mittel wurde sie zur Betäubung bei
der Vornahme chirurgischer Eingriffe benützt. Wegen ihrer den Geschlechtstrieb
bei Männern wie bei Frauen erregenden Wirkung war sie als Mittel gegen
Unfruchtbarkeit und als Emmenagogum gebraucht. PARACELSUS kannte sie noch
bei Nierensteinleiden, er reihte sie unter die Sedativa bei Epilepsie,
beim Veitstanz und beim Husten ein. Dann reißt der Gebrauch in der
Medizingeschichte fast vollständig ab. In der letzt vergangenen Zeit
wird die Alraunwurzel in der anthroposophischen Medizin bei Gicht, Rheuma
und Arthrosis angetroffen.
Nach analytischen Untersuchungen wurde festgestellt,
daß das in der Pflanze festgestellte frühere "Mandragorin" ein
Gemenge aus Hyoscyamin, Scopolamin und Atropin ist (J. Prakt. Chemie
64 [1901]: 274). Damit ist ihre Wirkung in die Nähe von Belladonna,
Hyoscyamus und Stramonium, denen sie botanisch sehr nahesteht, zu stellen.
Das Verhältnis der Tropalkaloide Hyoscyamin, Scopolamin und Atropin
ist 18:2,5:1, in Radix Belladonna dagegen 10:0, 2:1. Auch einige Nebenalkaloide
werden gefunden. Die Blätter gelten als weniger giftig; es ist auch
von alters her die Wurzel gebräuchlich gewesen und wurde teuer bezahlt.
Arzneimittelprüfungen
1834 und 1874 wurden jeweils von einem Prüfer
ganz kurze Versuche mit der Pflanze (ohne Wurzel) vorgenommen (ALLEN, T.
F.: Encyclopedia of Pure Mat. Med., Vol. VI, 187).
Im Jahre 1951 wurde vom Verfasser eine umfassende
Arzneimittelprüfung mit der getrockneten Wurzel an 30 Ärzten,
darunter 8 Frauen, welche die Kurse am Robert-Bosch-Krankenhaus besuchten,
angestellt. Es wurde D 6, D 4 und D 2, bei je 1 Prüfer auch D 12 und
D 1 verwendet (siehe Archiv für Homöopathie, Bd. 1. Hippokrates-Verlag
und Dtsch. homöop. Mschr. 1952: 129).
Eine weitere Prüfung erfolgte 1966 durch RAESIDE,
der ein 10 % Dekokt zugrunde legte. Er verfügte über 15
Prüfer, die D 3, D 6 und D 12 einnahmen. Es ergaben sich als wichtigste
Symptome heftige Schmerzen in den Gliedmaßen (15 mal) bei sämtlichen
Prüfern, 7 mal Schmerz oder Empfindlichkeit der Augen, 6 mal Jucken
oder Reizung der Augen, 12 mal Stirnkopfschmerz, 7 mal Depression, 7 mal
Erschwerung der Konzentration, 8 mal Schlaf durch Träume gestört.
Die Betonung der rechten Körperseite war sehr dominierend, die Symptome
seitens der Verdauungsorgane sind jedoch spärlich ausgefallen (nach
ILLING: Lehrbuch der Homöopathie, von Otto LEESER, Band 2, Abschnitt
2, S. 728).
Das Ergebnis dieser Arzneimittelprüfungen hat
die Berechtigung der althergebrachten Verwendung als Narkotikum, als Antispasmodikum
und als Aphrodisiakum wohl erbracht, darüber hinaus aber noch wertvolle
Beziehungen zum Leber-Gallen-System, zum Magen und Duodenum und dem übrigen
Darm ergeben. Auch die Symptome an den Gelenken sind therapeutisch von
großem Wert.
Mezger: Gesichtete Arzneimittellehre
s.a. K-J. Müller: Mandragora off.: Neue Aspekte und deren klinische Bestätigungen, Zweibrücken 6/2000