Carbo vegetabilis

Carbo vegetabilis · Carb-v.

Carbo ligni, Kohle, Holzkohle

Von jeher hielten die Aerzte die Kohle für unarzneilich und kraftlos. Bloß die Empirie setzte zu ihren höchst komponirten Pulvern gegen Fallsucht, Lindenkohle, ohne Beweise für die Wirksamkeit dieser einzelnen Substanz anführen zu können. Erst in den neuern Zeiten, als Lowitz in Petersburg die chemischen Eigenschaften der Holzkohle, besonders ihre Kraft, den fauligen und moderigen Substanzen den üblen Geruch zu benehmen und die Flüssigkeiten davor zu bewahren, gefunden hatte, fingen die Aerzte an, sie äußerlich anzuwenden. Sie ließen den übelriechenden Mund mit Kohlepulver ausspühlen und die alten faulen Geschwüre damit belegen und der Gestank ließ in beiden Fällen fast augenblicklich nach. Auch innerlich zu einigen Quentchen auf die Gabe eingenommen nahm es den Gestank der Stühle in der Herbstruhr weg. Doch dieß war nur ein chemischer Gebrauch der Holzkohle, welche dem faulen Wasser schon ungepülvert und in ganzen Stücken beigemischt, ihm den stinkenden Geruch benimmt und zwar in groben Stücken am besten.

Hahnemanns Reine Arzneimittellehre Band VI S.120.

„Die wohl ausgeglühte Kohle jeder Art Holzes zeigt sich in den Wirkungen auf das menschliche Befinden gleichförmig nach gehöriger Aufschließung, und Entwickelung (Potenzirung)…Ich bediente mich der Kohle von Birkenholz.

Zur Arzneibereitung wurde ausgeglühtes Birkenholz eines Baumes aus der Hochrhön verwendet.

Fremd in ihrer Haut

Die Geschichte einer ungewöhnlichen Heilung aus dem Buch „Glücksfälle?“
von Christa Gebhard und Jürgen Hansel Goldmann Arkana.

Das Buch kann unter www.naturmed.de bestellt werden.

Um die Thierkohle zu bereiten, legt man ein Stück dickes Rindsleder zwischen glühende Kohlen, lässt es so weit verbrennen, bis das letzte Flämmchen eben vollends verschwunden ist, und bringt dann das glühende Stück schnell zwischen zwei steinerne Platten, damit es sogleich verlösche, sonst glimmt es an freier Luft fort und zerstört seine Kohle größtentheils.

Samuel Hahnemann

Das ganze Kind stand in Flammen. Eloise brannte wie eine Fackel. Vor aller Augen. Sie hatten den brenzligen Geruch von Ellies loderndem Haar und ihrer flimmernden Haut in der Nase. Sie sahen, wie sie um sich schlug. Sie sahen das blanke Entsetzen in ihren Augen. Und sie sahen, wie ihr Fleisch den Flammen Nahrung gab, wie sie verzehrt wurde vom Feuer. Heillos rasch. Die Zeit verrann. Und Ellie brannte. Sie brannte im Wohnzimmer zu Hause inmitten ihrer großen Familie wie eine Ketzerin auf dem Scheiterhaufen. Bevor sie das zwölfjährige Mädchen endlich löschten, hatten sie es hinausbefördert vors Haus, denn es hätte ja die Einrichtung in Brand setzen können. Das lange weiße Perlonkleid mit dem Petticoat und den rosafarbenen Bändern, das sich an einem Heizstrahler entzündet hatte, haftete an der kleinen Ellie wie glühender flüssiger Kautschuk, grub sich hinein in ihre Haut und ihr Fleisch, bis auf die Knochen. Sie schrie wie von Sinnen, bis der Schock einsetzte und sie das Bewusstsein verlor.

Als sie nach Monaten, von Narben entstellt, wieder in ihr Elternhaus zurückkam, war das Feuer aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Das Vergessen währte fast 30 Jahre. Ellie konnte sich an nichts erinnern, nicht an die Verbrennung, nicht an die Schmerzen, auch nicht an die ersten Wochen im Krankenhaus. über den Vorfall wurde in ihrer Familie nicht gesprochen. Nicht eines ihrer sechs Geschwister verlor in all der Zeit ein Wort darüber, auch Vater und Mutter nicht, und auch nicht eine der vielen Tanten und Onkel aus der weiten Verwandtschaft. Vielleicht hätte Amma, ihre Großmutter, mit dem Kind darüber gesprochen. Aber Amma war tot. Sie starb, als Ellie in der Klinik lag.

In den ersten Wochen nach dem Unfall lösten die ärzte in ungezählten kleineren und größeren Operationen schichtweise verbrannte Gewebefetzen und Hautkrusten so weit als möglich von ihrem gepeinigten Körper ab. Tote Haut wurde abgeschnitten, die restliche, nur halb zerstörte so gut als möglich versorgt und genährt. Mit starken Schmerzmitteln hielt man das Mädchen in einem Dämmerzustand. Noch nach Wochen war Ellie im Schock. Man verlegte sie auf die Frauenstation, weil dort die Infektionsgefahr nicht so groß wie in der Kinderklinik war. Schließlich, als ihr Zustand noch kritischer wurde, kam sie in Quarantäne auf die Isolierstation, denn ihr wunder Körper reagierte sehr anfällig auf bakterielle Entzündungen. Wenn sie bei aufwachte, war niemand bei ihr. Manchmal hielt eine Krankenschwester kurz ihre Hand. Es war ein Wunder, dass sie überlebte.

Die Erinnerung an die langen Monate einer sehr langsamen Genesung in der Klinik nach den ersten Wochen, in denen sie zwischen Leben und Tod schwebte, blieb nur vage in Ellies Gedächtnis wie ein Schwarzweißfilm aus einem anderen Leben, mit einer anderen Hauptdarstellerin. Ellie war nicht mehr Ellie. Da ist eine ungefähre Empfindung, die sie fast ihr Leben lang begleitete und die auch damals da gewesen sein muss, das weiß sie noch. Es war etwas, was sich anfühlte wie ein großes Heimweh. Wenn die Eltern und die Familie an manchen Sonntagen zu Besuch kamen und in ihrem Krankenzimmer saßen, wurde die meiste Zeit geschwiegen und irgendwie war Ellie dann froh, wenn sie wieder gegangen waren. Nein, Vater und Mutter waren es nicht, nach denen sie sich sehnte. Es war ein Gefühl, das sie nicht ganz verstand, vielleicht wie Heimweh nach einem Ort, wo sie unversehrt sein konnte. Eine Sehnsucht nach dem Leben.

Ellie war gebrandmarkt wie ein Tier. Sie ahnte es, ohne es wirklich zu wissen oder auch nur ansatzweise zu begreifen. Später erinnerte sie sich daran, wie Menschen, die sie nicht kannte, um ihr Bett herum standen und sie anstarrten. Dieses Bild blieb in ihrem Kopf. So lange sie in der Klinik war, hatte sie selbst ihre verbrannte Haut und die Narben weder gesehen, noch befühlt. Auch ihre Hände waren dick verbunden. Die Krankenschwestern, die Ellies Wunden versorgten, warfen sich manchmal einen Blick zu, den sie damals noch nicht deuten konnte. Dieses Mädchen würde für ihr Leben lang gezeichnet sein. Schnell wurde Ellies Körper wieder in Wickel und Verbände eingehüllt. Auch deshalb, weil man die Patientin noch immer vor Keimen schützen musste. Tagsüber sprach Ellie kaum. Nachts quälten sie Albträume, aber sie wagte nicht, zu klingeln. Die Schwestern hörten Ellie im Schlaf schreien, oft mussten sie die Wäsche wechseln, weil ihr Bett nass war. In den 60iger Jahren dachte man noch nicht an eine notwendige psychologische Betreuung. Ihr seelisches leid war jedoch nicht zu übersehen.

Nach drei Monaten in der Klinik empfahlen die ärzte den Eltern dringend, das schwer traumatisierte Kind nach Hause zu holen und es dort gesund zu pflegen. Aber schon nach wenigen Tagen stellte sich heraus, dass Ellies Mutter dazu nicht bereit war. Die anderen Kinder, es waren vier ältere und zwei jüngere, gingen vor. Ellie konnte nicht mehr laufen, konnte sich kaum rühren und ihre Wunden mussten regelmäßig verbunden werden. Zudem hätte sie auch sehr viel Zuwendung gebraucht. Aber da waren ja die sechs anderen Geschwister. Man gab sie also zu einer entfernten Tante in Pflege. Erst dort erfuhr sie vom Tod ihrer Großmutter. Sie war der einzige Mensch in Ellies Leben gewesen, der sie wirklich mochte. Zu ihr konnte sie sich flüchten, wenn sie zu Hause mal wieder geschlagen worden war und am liebsten wäre sie immer bei ihrer Amma geblieben. Amma war zu ihr wie eine Mutter, die ihr Kind annimmt und liebt, es in die Arme schließt und ihr zärtlich über das Haar streichelt. Amma war die einzige, deren Berührungen wohl taten. Ellie war immer wieder lange Zeit allein bei ihrer Großmutter gewesen, während die anderen Geschwister zu Hause bei den Eltern wohnten. Aber nun war sie für immer fort.

Dass Ellie selbst Schuld trug an ihrem Zustand und an den hässlichen Narben, die Arme und Beine wie auch den Oberkörper und den oberen Rücken bedeckten, lag auf der Hand: Sie war ein schlimmes Kind. Die Mutter und die älteren Schwestern hatten es ihr immer gesagt, dass sie böse sei und der Mutter ständig so viel Leid antue. Wie oft war sie zur Strafe in den Keller gesperrt worden, wo sie auch essen musste. Und nun hörte sie den Vater beim Anblick der Narben deutlich sagen: Das ist die Strafe Gottes! Es geschah ihr also recht. So dachten sie ganz bestimmt alle. Auch das hatte sie der Mutter noch antun müssen. So ungeschickt und dumm zu sein, sich am Heizstrahler zu verbrennen. Vor aller Augen. Sie schwiegen wahrscheinlich deshalb, um ihr die Scham über ihre Untat zu ersparen. Amma allein hätte ihr vielleicht einen winzigen Trost geben können, dass es vielleicht doch nicht so war, wie es den Anschein hatte. Zumindest hätte sie Ellie in die Arme genommen. Und als sie an ihre Amma dachte, die ihr so fehlte, weinte Ellie zum ersten Mal seit der Verbrennung, im Zimmer der entfernten Tante. Ganz leise, das Gesicht zur Wand gedreht, damit die Tante nichts hörte.

So, wie der Vorfall selbst tabu war, äußerte sich auch niemand aus der Familie zu Ellies Narben. Sie gafften sie alle nur an, als sie wieder zu Hause war. Wenn das Wasser für alle Geschwister einmal in der Woche in die große Wanne gefüllt wurde, standen ihre Geschwister um sie herum und starrten mit großen Augen auf Ellies Körper. Es waren Blicke wie Brenngläser, die Löcher in ihre Haut fraßen. So schnell sie konnte, schlüpfte sie in die Wanne mit dem dampfenden Wasser. Sie spürte nicht, wie heiß das Wasser war. Sie zuckte nicht zurück. Es fühlte sich nicht gut und nicht schlecht an. Es fühlte sich gar nicht an. Ein großer Teil der Nerven in ihrer Haut waren wie tot. Es schmerzte nicht. Wer keinen Schmerz spürt, fühlt auch nicht? Ellie fühlte noch immer, aber sie wusste es nicht. Sie spürte nur die Angst. Die ganze Woche fürchtete sie sich entsetzlich davor, wieder entblößt diesen stummen Blicken ausgesetzt zu sein.

Nachdem ihre offenen Wunden verheilt waren, musste Ellie vieles neu erlernen wie ein Kleinkind. Die Beine funktionierten nach einer Weile wieder so, dass sie laufen konnte. Ihre Arme und Ellenbogen blieben oft unbeweglich oder taub und hingen manchmal wie Fremdkörper an ihr. Sie nahm es nicht als etwas besonderes wahr, denn sie erinnerte sich nicht, wie beweglich und lebendig sie früher war. Hilflos, ohne ein sicheres Gefühl, blieb ihr Körper behindert. Und so ging es auch ihrer Seele. Ellie verschloss sich und ließ niemanden mehr an sich heran. Sie konnte es nicht ertragen, berührt zu werden an ihrer narbigen Haut. Ihr stärkstes Gefühl war die Angst, angestarrt zu werden wie im Krankenhaus oder zu Hause im Bad. Weil sie sich nicht ausziehen wollte, schwänzte sie den Sportunterricht. Sie ging nicht gerne unter Menschen, schon gar nicht auf Partys. Das Gelächter war ihr suspekt, denn die meisten Witze fand sie nicht lustig, sondern schmutzig und gemein.

Sie lachte also nicht und sie weinte auch nicht. Ellie war unendlich abgestumpft. Sie tat, was man ihr sagte und sie fragte nicht. Auch wenn es eine Qual war, wie das Schwimmtraining, das sie für die Beweglichkeit ihres Körpers absolvieren musste, damit das Fleisch wieder weicher wurde. Der Bademeister, der die ängste des Mädchens nicht spürte, zwang sie immer wieder ins Tiefe, wo sie nicht stehen konnte und keinen Grund mehr sah. Seither fürchtete sie sich panisch vor Wasser, selbst als sie längst erwachsen war. Da wurde es sogar noch schlimmer. Sie dachte, das Wasser riefe sie und befehle ihr, sich zu töten. Einmal, viel später, als sie mit ihren beiden Söhnen an einem See stand, war der Sog des Wassers so groß, dass sie danach nie weder an Badeseen oder Flüsse fuhr. Schon gar nicht ans Meer, denn dort wurde ihre Sehnsucht nach Selbstmord übermächtig und noch stärker als ihr Verantwortungsgefühl ihren beiden Kindern gegenüber, die sie über alles liebte.

Ellie nahm den erstbesten Mann, der sich ihr bot. Er war ein Tyrann und behandelte sie wie eine Sklavin. Das war ihr nicht neu. Bei ihren Eltern hatte sie einen Großteil der Hausarbeit übernehmen müssen. Während die anderen Kinder Schularbeiten machten oder draußen spielen gingen, musste Elli Kartoffeln schälen, Wäsche bügeln, die Wohnung wienern. Ellies Vater ließ es zu, dass die Mutter dieses eine Kind wie ein Dienstmädchen hielt. Er selbst hatte kaum Zeit für die Familie. Sein Leben war Gott geweiht. Er widmete seine Kraft und seine Zeit der Kirche und dem, was die von ihm forderte. Für die Menschen in seiner Umgebung blieb da nicht viel. Er nahm Ellie erst wahr, als seine Frau längst gestorben war. Dabei liebte er sie nicht weniger als die anderen Kinder – ganz anders als seine Frau. Die hatte Elli, das fünfte Kind, von Anfang an abgelehnt. Nach der Geburt hatte sie sich geweigert, das Baby zu stillen. Man musste den Säugling zu einer Verwandten in Pflege geben. Das alles erzählte er ihr später. Warum die Mutter sie zurück gewiesen hatte, erklärte er Ellie nicht.

Ellie war 22, als sie Rob heiratete, um der Fron ihrer Mutter zu entkommen. Vor der Hochzeit hatte sie ihn bereits mehrmals verlassen, weil er sie beschimpft und geschlagen hatte. Doch immer wieder wurde sie weich, wenn er vor ihr auf die Knie fiel und unter Tränen schwor, sich zu bessern. Er brauchte sie doch so sehr. Und er missbrauchte sie. In der Ehe mit Rob fand Elli sich in ihrer alten Rolle wieder. Als Aschenputtel, wie in ihrem Elternhaus. Und Rob war nicht der Prinz, der sie befreite. Er schrie sie zusammen, wie es ihm passte, verbot ihr, sich außerhalb des Hauses mit den Kindern auf der Straße aufzuhalten, überhörte ihre Bitten, vorsichtig mit ihrer narbigen Haut zu sein, stattdessen drohte er und tat ihr im Ehebett Gewalt an. Sie hielt es aus. Kein Schmerz, kein Gefühl, kein Leben.

Ellie kannte nur den einen Weg, so etwas zu ertragen. Sie zog sich immer mehr zurück, vermied Kontakt mit der Welt und den Menschen, nahm so wenig wie möglich wahr. Sie lebte wie in einer dunklen Röhre, die sie vom Leben draußen isolierte. Dabei funktionierte sie tadellos. Unermüdlich ging sie weiter und weiter, immer einen Schritt nach dem anderen. Fürsorglich und liebevoll war sie mit ihren beiden kleinen Geschwistern gewesen, an denen sie sehr hing. Sich um die beiden Kleinen zu kümmern, hatte sie in ihrer Jugend am Leben gehalten. Ebenso aufopfernd umsorgte sie nun ihre beiden Söhne, die einfach alles für sie bedeuteten. Innen war Ellie nicht verbrannt. Sie hatte die Kleinen in sich wachsen gespürt und der Schmerz der Geburten war ein Stück Leben für sie. Danach lebte sie im Außen der Kinder. Alles, was die Jungs betraf, berührte ihre Seele. Dort, bei den Kindern war ihr Leben. Sie liebte ihre Söhne wie alle Mütter ihre Kinder lieben und noch ein Stück mehr, mit einer letzten existentiellen überlebenskraft.

Wenn sie sich so um andere kümmerte, erahnte Ellie ihre Energie. Sie konnte mit Kindern, aber auch mit kranken Menschen gut umgehen. Deshalb meldete sie sich als Helferin in der Schule und später als Pflegerin im Krankenhaus. Rob duldete stillschweigend ihr unentgeltliches soziales Engagement, obwohl er ihr jede Arbeit außer Haus verboten hatte. Allerdings nur, solange die Hausarbeit pünktlich, sauber und zu seiner vollen Zufriedenheit erledigt war. Das galt auch für ihre anderen Pflichten als Ehefrau. In der Schule lernte Ellie einen Sozialarbeiter kennen. Er war nett zu ihr, unterhielt sich mit ihr über die Probleme der Kinder, die ihnen anvertraut waren, und so entwickelte sich eine kollegiale Freundschaft zwischen ihnen. Schon lange hatte er bemerkt, dass Ellie ihre Narben versteckte, und eines Tages sprach er sie darauf an. Nicht aus Neugier, sondern weil er helfen wollte. Er konnte nicht ahnen, was er damit auslösen würde.

Es war ein Schock für Ellie. Sie brach zusammen. Niemand hatte bisher an das Tabu gerührt, mit dem ihre Verbrennung belegt war. Der Nervenzusammenbruch dieser nach außen so robusten und unkomplizierten Frau war den Klinikärzten ein Rätsel. Ein Psychologe versuchte Ellie mit einer Hypnosebehandlung zu helfen und langsam, bruchstückhaft, kam aus ihrem Unterbewusstsein das Grauen zurück, das sie als zwölfjähriges Mädchen erlebt hatte. Ellie spürte die Einsamkeit in den Flammen wieder, ausgeliefert an den Tod, im Stich gelassen mit dem Schmerz, hinausgeworfen aus dem Haus, damit sie nichts anderes verbrenne als sich selbst. Ellie weinte und weinte, als sie in sich das brennende Kind entdeckte. Es kostete ihre ganze Kraft.

Ellie wurde krank. Sie bekam schweres Magenbluten. Nach jeder warmen Mahlzeit wurde ihr übel. Manchmal erbrach sie eine Mischung aus altem und frischem Blut. Der Stuhl war häufig blutig und kohlrabenschwarz. Schon beim Geruch von gebratenem Fleisch musste sie würgen und schließlich ernährte sie sich nur noch von Löffelbiskuits. Zwei Jahre hielt sie die Hypnosebehandlung durch, die ihr half, an ihre Erinnerungen heranzukommen. Aber körperlich ging es ihr immer schlechter. Schließlich schickte man sie zu einem Arzt, der es mit der Homöopathie versuchen sollte.

Als Ellie Dr. Stuut kennen lernte, war sie Ende dreißig. In seiner Anamnese hielt er Beschwerden und Symptome fest, fragte nach der Kindheit und berührte schließlich auch die Verbrennung. Sie tat sich schwer, darüber zu sprechen und beschränkte sich auf das Nötigste. Sie berichtete nur wenig von der Mutter, von den Schlägen und von ihren Schuldgefühlen, ein schlimmes Kind zu sein, ohne zu wissen, was sie verbrochen hatte. Nur auf gezielte Fragen erzählte sie von ihrer Angst in Menschenmengen, den Selbstmordgedanken und der Furcht vor Wasser. Leichter fiel es ihr, über körperliche Beschwerden zu reden. Da waren die Halsentzündungen als Teenager, mehrmals Abszesse, die Operation einer Eierstockzyste, der starke, übel riechende Schweiß unter den Achseln, die harte Schwellung der Brustdrüsen vor der Periode. Seit einem Treppensturz machte ihr Rückrat immer wieder Beschwerden und schmerzte bis ins Bein hinunter. Weil sie blendendes Licht nicht ertragen konnte, trug sie immer eine Sonnenbrille.

Mit der homöopathischen Behandlung ließen Ellies Beschwerden nach und sie fasste langsam Vertrauen zu ihm. An den Blumen zu seinem Geburtstag und an den Postkarten, die sie ihm aus dem Urlaub schickte, konnte er sehen, wie anhänglich und aufmerksam sie wurde. Doch es vergingen Jahr, bis sie über Gefühle sprechen konnte. Sie machte Fortschritte in dieser Zeit, nahm sogar eine bezahlte Stelle in der Psychiatrie an und freute sich über die Sympathie, die ihr die Patienten entgegen brachten. Sie wirkte weniger verschlossen. Dennoch kamen die Magenprobleme immer wieder zurück. Nach fünf Behandlungsjahren und etwa fünfzehn verschiedenen homöopathischen Mitteln war ihr Körper nicht wirklich gesund. Von ihrer Seele, dem unverwechselbaren Ellie-Ich, gar nicht zu reden.

Es war wie ein Puzzle, das man aus Nebensätzen, kleinen Episoden und Ellies spontanen Reaktionen zusammensetzen musste. Da war dieses nervöse Lächeln beim Erzählen ihrer Sorgen und Nöte, als ob das alles sehr seltsam und komisch wäre. Oder die Geschichte mit den beiden Kollegen, die sich mit ihr in einem Lokal verabredet hatten, um sie unter Leute zu bringen. Ohne rechts und links zu schauen, den Blick starr auf die beiden gut bekannten Männer gerichtet, lief sie unter größter überwindung wie auf einem schmalen Gang durch die Menge fremder Menschen auf sie zu. Selbst Elli fand ihr Verhalten etwas merkwürdig, als sie Dr. Stuut davon erzählte. Doch er hatte nun ein klares Bild vor Augen. Er sah die Röhre, den dunklen Tunnel, in dem Elli durchs Leben lief.

Am deutlichsten wurde Ellies geheimes Gefühlsleben in ihren Träumen. Einmal träumte sie, unheilbar krank zu sein. Je mehr sie dagegen ankämpfte, desto schlimmer wurde es. Die Krankheit war in ihrem ganzen Körper. Besonders befremdlich war es für sie, dass sie in dem Traum auf sich selbst herunter sehen konnte. In einem zweiten Traum lag ihre Großmutter auf dem Sterbebett. Man bahrte sie gerade auf. Auf einmal erhob sich Amma und wollte aus dem Bett heraus. Aber das war ihr verboten. Vier Männer schoben sie wieder zurück. Ellie schloss sie in ihre Arme und sie verwandelte sich in ein Baby. Man nahm es ihr weg, weil es sterben sollte. Auf einmal war es ein kleines süßes Tierchen, das auf den Schoß von Ellies Mutter zu hüpfen versuchte. Doch diese reagierte mit keiner Regung auf die Annäherung des kleinen Wesens. Als Ellie ihrem Arzt von diesem Traum erzählte, begann sie zu weinen. Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, wie fremd sie sich zu Hause gefühlt hatte, wie sehr sie diese vertraute Person ihrer Großmutter vermisste und dass es nach ihr nie mehr einen Menschen gegeben hatte, der für sie da war.

Ein dritter eigenartiger Traum machte alles noch deutlicher. Es gab ein großes Fest bei ihr zu Hause mit den Geschwistern ihrer Eltern. Alle saßen beim Essen und Ellie sollte alleine etwas vortragen. Sie traute sich nicht, aber man schleppte sie in die Mitte und wollte sie zwingen. Ellie brachte kein Wort heraus. Sie hatte schreckliche Angst, es nicht richtig zu machen. Als ihre Mutter dann anfing, sie zu beschimpfen, brach sie zusammen. Ihr ältester Bruder sagte zu ihr, das käme daher, dass sie in dieser Familie nie akzeptiert wurde. Er war ganz erstaunt, dass Ellie das schon längst wusste. Ihre Tanten kamen ihr in den Sinn und ihre Amma. Sie alle wussten es auch. Das war ihr vollkommen klar und dennoch war es sonderbar. Auf einmal fing sie an, verwirrt zu reden, und schwankte wie eine Betrunkene. Sie stürzte zu Boden und konnte sich nicht mehr bewegen. Es war eine merkwürdig, sich selbst da liegen zu sehen. Ellie wollte aufstehen, aber die Muskeln arbeiteten nicht mehr. Sie blieb liegen wie ein Wrack. Irgendwie hatte ihre Mutter plötzlich ein Baby auf dem Arm. Sie legten das Kind zu Ellie und darauf reagierte sie endlich. Das Kleine an sich gedrückt, konnte sie wieder aufstehen. Das warme Köpfchen auf ihrer Schulter fühlte sich gut an. Als ihre Mutter, dass ihr das wohl tat, sagte sie: „Ich werde ihr das Baby überlassen, wenn sie nur wieder normal wird.“ Am Schluss sah Ellie sich selbst weglaufen mit dem Kind.

Die drei Träume zeichnen ein plastisches Bild von Ellies Gefühlswelt, ihrer Furcht vor den Menschen, selbst denen, die ihr eigentlich am nächsten stehen müssten, von ihrer Schüchternheit und Unfähigkeit, sich auszudrücken, und von dem Gefühl, ein Wrack zu sein, seelisch gebrochen und am Boden zerstört. Von oben sieht sie auf sich herab, alles ist fremd und sonderbar, die Welt, sie selbst, die anderen. Es ist immer noch das gleiche Gefühl wie damals in der Klinik, als sie angestarrt wurde wie ein Wesen von einem anderen Stern. Das Heimweh, das in dieser Zeit an ihr zehrte, bekommt durch die Träume eine eigene Farbe und Qualität. Es ist nicht das Elternhaus oder die gewohnte Umgebung, wonach Ellie sich sehnt. Es geht um den wohligen Zustand eines Babys, unversehrt, angenommen, aufgehoben bei seiner Amma. Das Verständnis dieses besonderen Heimwehs eines verlassenen, scheuen Menschenkindes in einer fremden, feindlichen Umgebung führte den Arzt zu einer homöopathischen Arznei, die in einer ganz eigentümlichen ähnlichkeitsbeziehung zu Ellis grauenvollem Trauma steht. Er gab ihr Carbo animalis, die verkohlte Haut eines Ochsen, nach den Vorschriften von Samuel Hahnemann zubereitet und potenziert.

Die Reaktion war dramatisch. Ellie bekam kurz nach Einnahme der homöopathischen Tierkohle hohes Fieber und – wie schon einmal als Kind – einen großen Abszess zwischen den Pobacken. Als nach über einer Woche schweren Fiebers und heftigen Schwitzens der Spuk vorbei war und Eloise wieder aufstehen konnte, geschah etwas gänzlich Ungewohntes und überraschendes: Sie stand unter der Dusche und konnte auf einmal die Hitze des Wassers fühlen. Es war tatsächlich zu heiß auf ihrer Haut und sie musste es kälter einstellen. Den kalten Strahl auf ihrer Brust konnte sie jetzt ebenso deutlich spüren. Sie lief nach draußen und empfand zum ersten Mal nach der Verbrennung in ihrer Kindheit die Wärme der Sonne auf ihrem Gesicht, auf ihren Armen und Beinen, fühlte die Wärme durch das Kleid hindurch auf ihrem ganzen Körper. Wie neu, wie gut sich das anfühlte. Auf offener Straße brach ein lautes, befreites Lachen aus ihr heraus. Sie hatte die Sonne wieder entdeckt. Aus den Ferien schrieb sie an ihren Arzt: „Ich werde zum ersten Mal braun. Das gab es noch nie vorher!“

Nach einigen Wochen fiel Eloise in eine schwere Depression. Sie empfand sich wie abgetrennt von der Welt, wie in einem Tunnel. Und da wurde ihr schlagartig klar: „Dies war und ist mein Gefühl, das mich 30 Jahre lang in meinem Leben begleitet hat. Ich habe gelebt wie in einer dunklen Röhre.“ Ihre Dienstmädchenjahre im Elternhaus fielen ihr ein, sie sah sich selbst als Kind. Sie wusste nun, das ist Vergangenheit. Es gibt ein anderes Leben. Die Katharsis aber ging weiter. Ein unerklärbares Fieber hielt eine Woche lang an und brachte Eloise schließlich ins Krankenhaus. Bei der Ultraschalluntersuchung fand man einen großen Abszess, dieses Mal im Darm. Der Chirurg zögerte mit einer Operation, gab Antibiotika und Eloise nahm zum zweiten Mal „ihr“ Mittel Carbo animalis, wieder in der gleichen Hochpotenz. Einige Tage später war der massive Befund zum großen Erstaunen des Chirurgen spurlos verschwunden.

Und Eloise dachte: „Komisch, ich lebe wieder“. Das Fühlen und Wahrnehmen kam zu ihr zurück in ganz normalen kleinen Dingen und sie entdeckte eine völlig neue Welt: Bäume, Vögel, Blumen. Sie sah sie wie zum ersten Mal. Eine ganze Woche lang blickte sie staunend aus dem Fenster auf den Garten des Krankenhauses. Mit einem Fernglas folgte sie dem Flug der Vögel und konnte sich gar nicht satt sehen. Wie schön sie waren, diese Vogelschwärme. Und die riesigen Bäume in ihrem frischen Grün. Die Blütenteppiche. Da war so ein vitales Gefühl: Ich lebe, und ich lebe nicht allein. Um mich herum ist das Leben und es gibt so vieles, was lebt. Dass da jemand auf der Straße Steine legt, seltsam. Hei, da ist jemand, der Steine legt. Der war vorher auch da gewesen, aber sie hatte ihn nicht gesehen mit ihrem Tunnelblick. Merkwürdig.

Das Leben packte sie und sie packte das Leben. Erst begann sie, sich mit einer Nachbarin zu streiten. Dann begehrte sie auf gegen ihren tyrannischen Ehemann. Wieder kam ihr ein Traum dabei zu Hilfe. Sie träumte, sie sei in letzter Sekunde vor dem Ertrinken gerettet worden. Durchnässt und vollkommen erschöpft schleppte sie sich zurück nach Hause und sank zu Boden. Doch ihr Mann befahl ihr, sofort ihre Sklavenarbeiten zu verrichten. Im Traum nahm Eloise einen Stock und zerschlug den Stuhl unter ihm, auf dem er saß. In der Realität verließ sie ihren Mann, gleich am nächsten Tag. Sie hatte begriffen, dass sie ihm nichts wert war. Wenn das alles nicht von Bedeutung war, was sie tat, wollte sie damit aufhören. Sofort. Wie ein Schalter, den man umlegt. Sie ging und ließ alles hinter sich, auch ihre beiden Kinder, das Liebste auf der Welt, das sie hatte. Der Vater verbot ihnen den Kontakt mit der Mutter. Und Eloise litt unendlich darunter, aber sie hielt durch. Selbst als Rob sie mehrmals mit Gewalt aus ihrer Wohnung holte und an den Haaren zurück in sein Haus schleppte. Sie floh immer wieder.

Noch einmal kamen die schmerzhaften Abszesse am Po zurück. Das war, nachdem Rob versuchte hatte, sie zu überfahren. Er kam im Auto in der Dunkelheit. Ihr Fahrrad war völlig zerstört, aber Eloise überlebte. Nun, da sie sich selbst wieder spürte, hatte sie auch die Kraft, sich zu wehren. Sie erstattete Anzeige gegen ihren Mann. Sie musste es tun. Auch wenn sich ihre Seele von ihm befreit hatte, konnte er immer noch ihren Körper kaputt machen. Ein paar Monate ging sie nicht zur Arbeit, weil sie sich vor neuen überfällen fürchtete. Dann wurde er verurteilt und kam ins Gefängnis. Obwohl Rob inzwischen viermal im Gefängnis saß, hat er nicht aufgegeben, Eloise zu verfolgen. Täglich ruft er an ihrem Arbeitsplatz an und schleicht immer wieder an ihrer Wohnung vorbei. Dennoch ist etwas anders: Früher hatte sie Angst vor ihm, jetzt hat er Angst vor ihr. Und einen Heidenrespekt. Mit ihren Söhnen hat sie häufig und guten Kontakt. Auch sie fürchten den Vater nicht mehr.

Eloise fühlt sich heute gesund. Alle körperlichen Beschwerden sind weg. Auch die Narben, die früher rot und empfindlich waren, verblassen. Längst sind ihre Reisen keine Flucht vor dem Ehemann mehr. Am liebsten fährt sie in die südliche Welt. Spanien, Indien, Kenia. Sie genießt es. Vor allem das warme Licht. Leicht ist ihr Leben dennoch nicht. Immer wieder muss sie kämpfen und sich behaupten. In einem Prozess, der seit der ersten Gabe von Carbo animalis nun etwa 10 Jahre andauert. Aber sie schafft es. Und langsam schöpft sie Mut, Licht ins Dunkel der Vergangenheit bringen.

Auf ihre Initiative sind ihre Geschwister mit ihr und untereinander ins Gespräch gekommen. Sie fragen sich heute, warum sie so viele positive Erinnerungen an die Kindheit haben, nur Elli nicht? Ihr jüngster Bruder macht gerade eine Therapie. Ihm ist klar geworden, dass die Eltern ihm, dem damals siebenjährigen, die Schuld an Ellis Unfall zuschieben wollten. Warum er nicht sofort eine Decke genommen hätte, um die Flammen zu ersticken? Eloise liebt diesen Bruder sehr und Umarmungen zwischen ihnen waren immer möglich. Nun kann sie es auch mit anderen. Der Beginn einer neuen Liebesbeziehung, die Zärtlichkeiten des Freundes sind wie damals, als sie zum ersten Mal die Schönheit der Bäume wahrnahm. „Hei, tut das gut!“

Einige Berührungsängste aber bleiben. Wenn Eloise von ihrem Familientabu spricht, zeigt sie andeutungsweise wieder dieses nervöse Lächeln. Bis sie vier Jahre alt war, war sie ein fröhliches aufgewecktes Kind. Bis sie diese Abszesse bekam. Eloise weiß jetzt, dass ihr ältester Bruder damals versucht hat, sie zu vergewaltigen. Die Schwestern sahen zu. Und danach wurde Elli von ihrer Mutter windelweich geprügelt. Noch hat sie mit niemandem darüber gesprochen. Auch das letzte Geheimnis ist nicht gelüftet. Das Geheimnis, das Ellis Amma, ihre Tanten, ihr Vater und ihre Mutter miteinander teilten, bevor sie starben. Warum war Ellie das einzig ungeliebte Kind? Warum war sie das Stigma ihrer Mutter und warum ihre Verbrennung die gerechte Strafe Gottes?

Vielleicht wird Eloise diese Fragen nie stellen. Oder vielleicht wird sie keine Antworten mehr brauchen. Gerade ist sie dabei, an eine Energie heranzukommen, die sie tief in sich spürt. Früher konnte sie andere Menschen kaum berühren. Nun hat sie erfahren, dass in ihren Händen viel Heilkraft steckt. Die setzt sie ein, wenn sie darum gebeten wird. Sie probiert es aus, sehr behutsam.

Kommentar

Eloise hatte ein unglaublich schweres Schicksals mit schlimmsten Verletzungen hinter sich und ihr Leben war oft eine einzige Qual. Das wäre jedoch kein Grund für sie gewesen, zum Arzt zu gehen. Am Beginn ihrer homöopathischen Behandlung stand wie so oft eine Krankheit mit gut fassbaren, klaren körperlichen Symptomen, die sie gerne wieder los werden wollte. In vielen Fällen, nicht nur bei Eloise, sind solche akuten Beschwerden nur die sichtbare Spitze des sprichwörtlichen Eisbergs. Doch wenn ihr Magen nicht geblutet hätte, wäre sie kaum zu Dr. Stuut gekommen. über Gefühle konnte sie damals nicht sprechen, wohl aber über ihre übelkeit und das Erbrechen von Blut oder auch über frühere Krankheiten und Beschwerden. Das war zunächst die Arbeitsgrundlage. Der teerschwarze Stuhlgang, die Unverträglichkeit warmer Speisen, der Ekel vor Essensgerüchen, die Abneigung gegen Fleisch, die extreme Müdigkeit, die mit der übelkeit einher ging.

Auf der Basis solcher eindeutiger physischer Symptome wurden die ersten Arzneien nach dem ähnlichkeitsprinzip verordnet, Mittel wie Causticum oder Sepia, die in der homöopathischen Arzneimittelprüfung Symptome hervorgerufen haben wie die des Krankheitsfalles von Eloise. Sie blieben nicht ohne Wirkung. Die akuten Beschwerden ließen nach und Eloise konnte eine neue Arbeitsstelle annehmen. Sie funktionierte wieder. Doch ihr Magen ließ nicht locker. Mal um Mal führte er sie zurück in die homöopathische Praxis, bis ihr der Arzt ganz vertraut war und sie sich langsam, über die Jahre immer weiter öffnen konnte. Im Laufe dieses Prozesses traten die körperlichen Beschwerden schließlich in den Hintergrund und Eloises psychosoziale Probleme rückten ins Zentrum der homöopathischen Betrachtung und Behandlung. Es ist deshalb nicht weiter verwunderlich, dass Eloise in fünf Jahren etwa fünfzehn verschiedene homöopathische Mittel erhielt. Für den Wechsel von einer Arznei zu einer anderen gab es dabei verschiedene Gründe.

Zunächst einmal liegt es in der Natur des ähnlichkeitsprinzips, dass in einem Krankheitsfall mehrere homöopathische Arzneimittel in Frage kommen. Diese sollen ja die Bedingung erfüllen, ein ähnliches Krankheitsbild wie im vorgegebenen Fall, nicht aber genau das gleiche Bild, hervorrufen zu können. Im Gegensatz zu Gleichheit ist ähnlichkeit nicht exakt definiert. So wird es eine ganze Reihe von Menschen geben, die Ihnen auf die eine oder andere Weise ähnlich sind, von ihrem äußerem, ihrer Statur oder ihrem Charakter. Dagegen werden Sie kaum einen Doppelgänger finden, der Ihnen in jeder Hinsicht gleicht, es sei den Sie haben einen eineiigen Zwilling. Wenn Sie nach einem Doppelgänger suchen, werden Sie sich also überlegen, was Ihre Person ausmacht und auf welche Merkmale es dabei besonders ankommt. So macht es auch ein Homöopath, der nach einer Arznei für die Krankheit eines bestimmten Menschen sucht. Und dann wird er häufig mehrere Mittel finden, die den Suchkriterien annähernd entsprechen.

Bei Eloise hatte es aber noch einen anderen Grund, dass so viele verschiedene Arzneimittel eingesetzt wurden. Während des langjährigen Behandlungsprozesses änderten sich wesentliche Merkmale des Bildes, das sie ihrem Arzt bot, und damit auch immer wieder der Ausgangspunkt für die Anwendung des ähnlichkeitsprinzips. Dieser stetige Wandel war einerseits Ausdruck der Entwicklung ihrer Beziehung zu ihrem Arzt, andererseits aber auch direkte Folge der homöopathischen Behandlung. Denn die verschiedenen Arzneien, die jeweils auf der Grundlage des aktuellen Beschwerdebildes ausgewählt wurden, halfen Eloise Schritt für Schritt, einen Teil ihrer Beschwerden zu überwinden. Es war so, als ob eine Schicht der Krankheit abgetragen wurde und darunter eine tiefere Schicht zum Vorschein kam, die ein anderes Bild zeigte und eine neue Arznei erforderte.

Der griechische Homöopath Georgos Vithoulkas, der 1996 stellvertretend für die gesamte homöopathische Heilkunde den alternativen Nobelpreis erhalten hat, schreibt über diese Art des Behandlungsverlaufs: „Wem es darum geht, seine Patienten wirklich zu heilen, der darf diese Schichten nicht unbeachtet lassen. Sind bei einem Patienten viele dieser Schichten vorhanden, wird die Heilung relativ viel Zeit brauchen. In dem Fall muss der Homöopath systematisch eine Schicht nach der anderen abtragen, indem er sorgfältig jedes Mittel aufgrund der augenblicklichen Gesamtsymptomatik wählt. Jede Schicht zeigt sich zu Anfang in einigen unbedeutenden Symptomen, die mitunter schwer erkennbar sind. Manchmal dauert es Jahre, bis das Bild klarer wird und das angezeigte Mittel verschrieben werden kann.“

Nach dem Abtragen der oberflächlichen Schichten dauerte es tatsächlich noch Jahre, bis das eine Mittel, das in der Tiefe für Eloise angezeigt war, erkennbar wurde. Den Schlüssel zu dieser Arznei lieferten die Träume, in denen Gefühle zum Ausdruck kamen, die Eloise so nicht geäußert hätte. Es war dieses Gefühl, alles sei so merkwürdig und sonderbar, das sie im Alltag immer mit einem nervösen Lächeln überspielte. Und dann das eigentliche Lebensgefühl der verschlossenen, menschenscheuen Eloise: In einer fremden, feindlichen Umgebung zu leben, in der sie nicht akzeptiert ist. Diese Grundstimmung ist verbunden mit einem besonderen Heimweh, der Sehnsucht nach einer Geborgenheit, die Eloise nur ganz selten bei ihrer Amma erlebt hat.

„Heimweh“ ist eines der Schlüsselsymptome für die homöopathische Arznei Carbo animalis. In den Aufzeichnungen von Samuel Hahnemann, der die Wirkung der Tierkohle wie die vieler anderer Substanzen im Selbstversuch und an freiwilligen Testpersonen prüfte, findet man als psychisches Symptom dieser Arznei: „Wie verlassen und voll Heimweh. Wie in einer leeren, verlassenen Stadt.“ Eine andere Probandin reagierte auf die Einnahme der Tierkohle mit folgendem Gemütszustand: „Hang zur Einsamkeit; traurig und in sich gekehrt, wünscht sie nur immer allein zu sein, und vermeidet jedes Gespräch.“ In den homöopathischen Repertorien, den umfangreichen Verzeichnissen aller Symptome, die aus den Arzneimittelprüfungen und aus der klinischen Erfahrung stammen, finden wir für Carbo animalis auch das Gefühl, „alles sei sonderbar, merkwürdig“. Wir erkennen in diesen auffälligen Gemütsveränderungen wesentliche Merkmale von Eloises Lebensgefühl wieder. Die potenzierte Tierkohle ist hier also keinesfalls eine Arznei für eine momentane körperliche Symptomatik – sie ist das Heilmittel für ein schweres psychisches Leiden, das Eloise selbst erst in der Reaktion auf die Arznei realisieren kann. Nicht bevor sie nach der Einnahme von Carbo animalis in eine schwere Depression verfällt, wird ihr klar, dass sie über Jahrzehnte gelebt hat „wie in einer dunklen Röhre“, abgetrennt von der Welt und ihrer Umgebung, abgeschnitten vom Leben.

„Sie hat das Gefühl, überhaupt nichts zu sein: eine Nicht-Entität, als hätte sie gar kein Ich in sich; sie glaubt, dass die anderen sie nicht ernst nehmen. Aber eigentlich finden die anderen, dass sie ein sehr lieber netter Mensch ist, sehr freundlich, sehr freigebig – und eben eine Person, die ihren Forderungen nachgeben wird.“ Dieses Zitat zur psychischen Verfassung einer Carbo animalis – Person aus der Arzneimittellehre von Georgos Vithoulkas ist Eloise wie auf den Leib, oder besser auf die Seele geschrieben. Es ist typisch für Menschen, die dieses Arzneimittel brauchen, dass sie am Leben nicht teilnehmen, vor allem nicht am sozialen Leben. Sie kämpfen um ihr überleben, zu einem eigenen Leben fehlt da die Energie. Das gilt für alle Kohlenstoff-Arzneien in der Homöopathie. Dazu zählen neben der Tierkohle die Holzkohle, Carbo vegetabilis, und die beiden natürlichen Erscheinungsformen des reinen, elementaren Kohlenstoffs: Graphit und Diamant. Der Kohlenstoff und seine Verbindungen passen homöopathisch zu Menschen, die Veränderung scheuen, die über viele Jahre in der gleichen Situation verharren, die sich aus Angst vor dem Tod tot stellen und deshalb dem Tode näher scheinen als dem Leben. Dabei können sie wie Eloise im Alltag gut funktionieren, wenn es darum geht, im Beruf oder zu Hause ihr überleben oder das ihrer Familie zu sichern. Ihr Pensum absolvieren sie aber ohne Lust und Freude, eher wie ein Roboter.

Wenn sie krank werden, ist auch das oft eine Frage von Leben und Tod. Carbo vegetabilis ist in der Homöopathie angezeigt bei schweren Krankheiten und ihren Endzuständen, Carbo animalis speziell auch bei Krebserkrankungen. Als Eloise von einer unheilbaren Krankheit in ihrem ganzen Körper träumte, war dies ein Warnsignal für ihren Arzt und ein zusätzlicher Hinweis auf Carbo animalis. Die dramatische Reaktion auf die Arznei zeigte dann, was in ihrem Körper schlummerte. Den großen Abszess, der sich im Darm entwickelte und wieder verschwand, hatten die ärzte zunächst sogar für eine Krebsgeschwulst gehalten. Nach der Einnahme der potenzierten Tierkohle war der Organismus aus der Stagnation, aus seiner Reaktionsstarre erwacht und versuchte nun vehement, sich von alten Schlacken zu befreien. Diese Art von Ausleitung – dazu gehört auch das starke Schwitzen – sieht man häufig als erste Reaktion auf die Gabe einer homöopathischen Arznei.

Auch auf der psychosozialen Ebene sollte sich Eloise nach und nach ihrer Altlasten entledigen. Doch dies war ein längerer und mühsamer Prozess, der bis heute nicht abgeschlossen ist. Er begann damit, dass sich auch die Seele aus ihrer jahrzehntelangen Starre löste und aus der dunklen Röhre in eine lebendige, bunte Welt zurück fand. Wenn sie heute, 10 Jahre später, schildert, wie sie damals die Bäume, die Vögel, die Menschen um sich herum zum ersten Mal wahrnahm, ist immer noch ein tiefes Erstaunen zu sehen. Wie sie sich selbst wieder spürte, physisch, elementar, von einem Tag auf den anderen, um dann ihre eigenen Bedürfnisse zu entdecken und zu behaupten, wie sie nach der Begegnung mit ihrer Simile-Arznei von einer „Nicht-Entität“ zu einer selbstbewussten, starken Person wurde, dieser Wandel gehört zu den erstaunlichsten Reaktionen, denen wir bei der Arbeit an diesem Buch begegnet sind.

So merkwürdig und seltsam wie die ganze Geschichte ist auch die ähnlichkeitsbeziehung zwischen der Substanz Tierkohle und dem Schicksal der kleinen Ellie. Verkohlte Rinderhaut heilt die Folgen einer schweren Verbrennung an Leib und Seele. Ist Homöopathie so einfach? Die homöopathischen Repertorien verzeichnen an die 90 Mittel, die für die Behandlung von Verbrennungen in Frage kommen. Carbo animalis gehört nicht dazu. Und man sollte auch diese Kasuistik keinesfalls zum Anlass nehmen, die Folgen einer Verbrennung in Zukunft homöopathisch mit Carbo animalis zu behandeln. Diese Arznei wird nur dann zum Simile, wenn – wie bei Eloise – das Gesamtbild des Leidens dem Arzneimittelbild auf allen Ebenen ähnlich ist.

Das Buch „Glücksfälle?“ kann unter www.naturmed.de bestellt werden.

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