Cicuta virosa

Cicuta virosa · Cic.

Wasserschierling, Selinum virosum

Gesegnet bist Du, Maria !

Die Geschichte einer ungewöhnlichen Heilung aus dem Buch „Glücksfälle?“ von Christa Gebhard und Jürgen Hansel Goldmann Arkana.

Das Buch kann unter www.naturmed.de bestellt werden.

Wenn ein Mensch singt und kann die Stimme nicht erheben, und einer kommt ihm zu helfen und hebt an zu singen, dann kann auch jener wieder die Stimme erheben. Und das ist das Geheimnis der Verbindung. Martin Buber

Barbara bringt einen Berg bunter Fotoalben, stapelt sie auf dem Küchentisch und beginnt zu blättern: Maria, ihr viertes Kind, als Neugeborenes an der Brust beim Stillen, Maria beim ersten Bad in der Babywanne, Maria mit einem bestickten rosa Häubchen auf den dichten dunklen Haaren, abwechselnd in den Armen ihrer großen Brüder Thomas und Daniel. So ein süßes Baby. Fünf dicke Alben mit Fotos von Maria. Jetzt ist sie elf. Ein hübsches Mädchen mit kinnlangen schwarzen Locken. Hinter der runden Kinderbrille ein neugieriger aufgeweckter Blick aus großen braunen Augen. Auf das dunkelblaue Samtkleid mit den lila Blenden, das sie an besonderen Tagen trägt, ist sie richtig stolz, auch auf ihre Fotoalben. „Schau“, sagt sie, „das ist das Album mit den Reisen, da waren wir in der Türkei, da gab es einen tollen Swimming-Pool, da musste ich mich noch am Rand festhalten und da waren wir beim Skifahren. Und dieses hier ist voll mit Fotos von der Schule. Hier siehst du meine Freundinnen und den Thomas, als er das Motorrad bekam. Wo sind die Weihnachtsfotos, Mama, und die mit den vielen Ostereiern, als wir auf Familienfahrt waren mit der Kirche? Wenn ich groß bin, will ich Friseurin werden, schau, da ist ein Foto, da habe ich der Mama eine Aufsteckfrisur gemacht, mit ganz vielen verschiedenen Spangen. Soll ich dir meinen neuen Computer zeigen? Er hat viele neue Spiele, die ich noch nicht kenne, aber bei manchen bin ich schon ganz weit.“

Zutraulich ist sie, offen und unkomplizierter als viele andere Kinder, wenn sie mit fremden Menschen redet. Wer sie beim Schwimmen und Tauchen beobachtet, kann diesen seligen Ausdruck in ihrem Gesicht sehen, wenn sie wie schwerelos im Wasser treibt und sich ganz diesem Element überlässt. Was für ein glückliches Kind, denkt man, wenn man ihr zusieht, wie sie vom Brett ins Becken springt und untertaucht, eine Kerze macht unter Wasser, auf dem Rücken liegt, und diese Leichtigkeit sichtlich genießt. Marias Veranlagung zum Glücklichsein teilt sich so sehr mit. Ihre Fähigkeit, ganz im Jetzt aufzugehen, zeigt sich auch in ihrer Konzentration, wenn sie im Kopf rechnet in atemberaubender Geschwindigkeit, Zehner und Hunderter im Takt mit Fingern und Handflächen abklatscht und Zahlenreihen zerlegt. Rechenkönigin war sie in der Schule und in der vierten Klasse hatte sie von 40 Lernwörtern nur zwei Fehler. Genau wie die Kinder, die weiter aufs Gymnasium gehen. Ihre Schrift ist schön und gleichmäßig. Die Englischvokabeln schreibt sie ordentlich auf Lernkärtchen. Im Sport macht sie das, was sie kann. Die anderen Kinder lassen sich beim Völkerball von ihr einfangen, denn mit ihren leicht eckigen Bewegungen ist sie nicht so wendig und schnell am Flitzen wie ihre Freundinnen. Eine eigene Assistenz-Lehrerin hilft ihr in der Schule, bei den Fitzelarbeiten hilft, zum Beispiel wenn sie die klitzekleinen Buchstabenstäbchen wieder in den Lesekasten zu räumen muss, oder beim Umziehen zur Turnstunde, wenn sie nicht rasch genug die kleinen Kugelknöpfe ihrer Jacke aufbekommt. Motorisch ist sie ziemlich hinter den anderen zurück, aber ihr Geist kann gut mithalten.

Maria spürt inzwischen deutlich, wenn das Dunkel, das ebenso leicht Zugang hat zu ihr wie die lichte Seite des Lebens, Besitz von ihr zu nehmen droht. Wenn dass sie das Schlendern ihres Kopfes nicht mehr in den Griff bekommt. Wenn ihre Arme sich ruckhaft bewegen, als gehörten sie nicht zu ihr. Wenn sich die Innenflächen ihrer Hände drehen und sie nicht weiß, warum sie das tun. Wenn sie über die Türschwellen stolpert und fällt. Wenn sie es einfach nicht mehr schafft, sich zu konzentrieren, egal auf was. Ob es das Gehen, das Rechnen oder das Computerspiel ist. Wenn ihr Geist fort zu fliegen droht. Dann sagt sie, „Mama, ich brauche meine Arznei“. Ob sie weiß, in welchem Zustand sie endet, wenn sie ihr Mittel nicht bekommt, geht über den Horizont unserer gesunden Vorstellungskraft. Wir wissen nur, dass Maria dann am Ende zusammengekrümmt und merkwürdig verdreht vor dem Spiegel sitzt, den Kopf hin und her wirft, ihre Arme herumwedeln wie äste im Wind und sie dann Laute von sich gibt, die nicht mehr menschlich sind, sondern ein Wimmern, ein lallendes Wiederholen eines aus den Tiefen kommenden Leierliedes, das wir nicht verstehen. Niemand kann sie dann mehr erreichen. Dort sitzt dann Maria, das blöde Kind.

Das Schlenkern ihres Kopfes und ihrer Arme sind die ersten Anzeichen dafür, dass es wieder rückwärts geht, wenn auch anfangs nur in kleinen Schritten. Dennoch ist der Sog ins unbekannte Land unaufhaltsam. Die Rückreise bis zum Spiegel. Dort sitzt sie dann und sucht vielleicht nach dem anderen Wesen, das sie doch auch sein kann. Maria das hübsche, pfiffige und fast ganz normale Mädchen. Wo und wer ist Maria? Vor dem großen Spiegel in der Diele kauert nur der Rest von ihr, das zurück gebliebene Etwas aus einer anderen Welt. Ob sie in ihrem Spiegelbild überhaupt jene andere Maria noch erkennen kann ? Vielleicht kann sie es nur nicht mehr formulieren, vielleicht fühlt sie es noch und ist doch gefangen in diesem anderen Sein. Für uns „Normale“ ist diese dunkle Seite völlig fremd, ein fernes Land, erreichbar allenfalls durch Drogen oder Rauschzustände. Verzerrt, entrückt, taumelnd in unbekannten Spiralen. Barbara kennt die Vorboten für Marias Aufbruch genau, es sind Warnsignale, die sie in Angst und Panik versetzen. Bevor Maria zurücktaucht in jene unbekannten Windungen, verweigert sie alles, was sie sonst gern isst. Sie nimmt nur noch trockenes Brot und Tee. Als ob sie sich vorbereiten würde auf eine lange, karge Reise.

Als Maria auf die Welt kam, war Barbara glücklich und sehr dankbar. Maria war ein gesundes kleines Mädchen und ihr größter Trost für die Totgeburt ein Jahr zuvor. Als man den Jungen im siebten Monat holen musste, wusste Barbara bereits, dass ihrem Baby beide Nieren fehlten, es Wasser im Kopf hatte und einen offenen Rücken. Es war nicht lebensfähig und Barbara behielt von ihm nur das Bild in ihrem Herzen, wie die Hebamme es in ein weißes Tuch hüllte und hinaustrug wie einen kostbaren Schatz. Als sie dann bald wieder schwanger wurde, zehrte an ihr die Angst, ob dieses Kind gesund sein würde. Trotzdem lehnte sie die von den ärzten dringend geforderte Fruchtwasseruntersuchung ab. Barbara und ihr Mann Johannes sind tief religiöse Menschen. Eine Abtreibung wäre niemals für sie in Frage gekommen, selbst wenn das Kind sich wieder als schwer behindert erwiesen hätte. Und die Befunde der Ultraschalluntersuchungen waren tatsächlich besorgniserregend. Als dann das ersehnte Mädchen in ihren Armen lag nach einer schnellen und unkomplizierten Geburt, war es wie ein Wunder. Barbara fühlte die unbeschreibliche Gnade, die eine Mutter erfährt, wenn sie trotz aller Befürchtung ein gesundes Baby geschenkt bekommt. Johannes sank an Barbaras Wochenbett auf die Knie und dankte seinem Gott. Dieses Kind war gesegnet und es sollte deshalb Maria heißen.

Die ersten Wochen mit Maria waren unbeschwert. Stolz waren die Eltern mit der Kleinen nach Hause gekommen zu den beiden Knaben, die Maria sofort ins Herz schlossen. Johannes sprach in der Kirchengemeinde ein öffentliches Gebet: „Gott hat uns nach dem Tod unseres Paul noch einmal ein Kindchen geschenkt. Wir sind unendlich glücklich, dass es gesund ist und gut gedeiht. Wie sehr muss Gott uns Menschen lieben!“ Monatelang lächelten Barbara und Johannes über ihre kleine „Spätzünderin“, die nichts tat, als dazuliegen. Worauf sie wohl wartete? Nach einem halben Jahr begannen sie langsam, sich Sorgen zu machen, behielten es aber jeder für sich.

Auf den ersten Blick fällt an den Fotos aus Marias erstem Lebensjahr nichts Besonderes. Die Kamera hält allerdings immer einen gewissen Abstand. Und Maria sieht den Betrachter nicht an. Da ist das Familienbild vom ersten Geburtstags: Auf dem Tisch die Torte mit einer dicken roten Kerze darauf und dahinter Maria in der Ecke des Gitterbettchens. Stehend. Daneben die Buben und der Papa. Dass ihr Bruder sie hinten gepackt hat und festhält, und auf beiden Seiten von Maria feste Kissen ins Bettchen gestopft wurden, sieht man nicht auf dem Foto. „Es war alles gestellt“, sagt Barbara. Sie haben sie so hindrapiert, weil sie sich das so schön gedacht hatten. So sieht es aus, als ob sie stünde. Als könnte sie es. Dabei waren ihre Knöchel ganz verdreht und die Innenseiten der Füße schauten verrenkt nach oben. Die beiden Buben liefen mit 11 und 13 Monaten. Maria konnte mit einem Jahr nicht stehen, von selbst ganz sicher nicht. Johannes schaut nur still auf den Boden, als Barbara eingesteht: „Wir haben sie nie so fotografiert, wie wir sie nicht sehen wollten, immer beschönigend. Jetzt ist es schade, denn es wäre gut zu sehen, wie sie wirklich war. Sie hat immer so starr geschaut, gern haben wir sie nicht fotografiert. Ihr ganzer Körper war meist zurückgedreht, der Brustkorb verrenkt, die Beine hochgezogen, der Kopf zurück geworfen. Und immer nur dieses Ahmmammam, dieses Wah Wah, diese grauenhaften Laute. Ihre Arme und Hände waren immerzu am Schlackern, immerzu diese Schaukelbewegung. Das ganze erste Jahr war so. Es war fürchterlich. Die Hände verdreht, die Füße angezogen, die Schaukelbewegung. Wenn ich diese Laute gehört habe, wusste ich, sie ist nicht normal, und man kann gar nichts machen.“

Natürlich hat es sich rasch herumgesprochen in dem kleinen Dorf, dass nun nach der Totgeburt auch mit dem vierten Lehrerkind etwas nicht ganz stimmte. Man sah Barbara nicht auf der Straße mit dem Kinderwagen wie bei den Buben. Als die damals erst ein paar Wochen alt waren, ist die ganze Familie zur Kirche gekommen mit den Neugeborenen und zum Seefest zum Schlittschuh laufen, im Winter, als es fast zwanzig Grad Minus hatte. Doch jetzt sah man Barbara auch nach Monaten mit der Kleinen nicht draußen. Sie traute sich einfach nicht aus Angst vor den befremdeten Blicken in den Kinderwagen. Was sollte sie auf dem Spielplatz, wenn Maria mit einem dreiviertel Jahr nicht mit den anderen Babies krabbelte und spielen konnte. An Krabbeln war überhaupt nicht zu denken, auch wenn die beiden Brüder es ihr unermüdlich vormachten.

Barbara blieb mit dem Baby aber auch deshalb zu Hause, weil es so anfällig war. Die ersten Monate war Maria fast immer krank. Ständig schwitzte sie im Nacken und am Hinterkopf, so dass Barbara den kühlen Wind fürchtete. Am schlimmsten war es im Schlaf. Sie musste nachts mehrmals umgezogen und das feuchte Bett neu gemacht werden. Das Baden wurde auf ein Minimum beschränkt. Die Kette der Infektionen riss trotz aller Vorsicht nicht ab. Erst Schnupfen, dann Husten, dann fiebrige Bronchitis. Häufig Erbrechen. Weil sie nicht schrie, lag sie oft in ihrem Erbrochenen, obwohl Barbara mehrmals die Nacht aufstand, um nach Maria zu sehen. Es war alles anders bei ihr. Auch dieser nach innen ziehende qualvolle Husten, dem man die Atemnot des Kindes anhörte. Das Stillen des Babies war so mühsam, wie Barbara das von ihren beiden Söhnen gar nicht kannte. Alles dauerte unendlich lange und Barbara bekam ständig schmerzhafte Brustentzündungen.

Als Maria ein halbes Jahr alt war und die Infekte einfach nicht nachließen, konsultierte die Mutter Dr. Swoboda, einen Arzt, dem sie vertraute, seit er ihr mit ihren eigenen Problemen zweimal sehr geholfen hatte. Nach seiner ersten homöopathischen Verordnung war sie, die nur eine einzige Periode im Jahr hatte und seit langem Hormone wegen ihres Kinderwunsches einnahm, endlich schwanger geworden und hatte ihre beiden Jungs bekommen. Später half ihr eine andere homöopathische Medizin, ihre sieben Jahre andauernde Essstörung zu überwinden. Damals war sie nach einer langen Phase von Magersucht gerade fresssüchtig, stopfte wahllos Nahrung in sich hinein und erbrach jede Mahlzeit, die sie zu sich genommen hatte. Als ihr klar wurde, dass sie süchtig war, überwand sie ihre Scham und berichtete es dem Doktor. Und ein paar Wochen nach der Einnahme der Arznei konnte sie es lassen, einfach so. Barbara hatte mit dieser Art von Behandlung die Erfahrung gemacht, dass sie nicht nur wieder gesund wurde, sondern auch den Anschluss an ihre innere Kraft wieder fühlte. Vielleicht wüsste Dr. Swoboda ja auch für Maria ein passendes Mittel, damit vielleicht doch noch alles gut würde.

Auf seine Behandlung mit Calcium carbonicum ließ die Anfälligkeit gegen Erkältungen tatsächlich nach. Marias Entwicklung jedoch kam nicht – wie Barbara insgeheim gehofft hatte – in Gang. Sie lag weiter einfach da und bewegte sich nicht, reagierte auf nichts, versuchte nicht zu greifen und folgte nicht mit ihrem Blick der Mutter. Ihre Augen schienen sich vielmehr weiter nach innen zu wenden. Sie schielte immer stärker, sonst veränderte sich wenig. Kein Ausprobieren neuer Lall-Laute, kein erkennendes Lächeln, kein sich Rühren. Sie drehte sich noch nicht einmal um. Wird sie denn ewig da liegen, dachte Barbara, werde ich sie wickeln ein Leben lang ? Immer öfter kamen solche Gedanken, ließen sich kaum noch verdrängen. Wie sollte es weiter gehen ? Würde Maria, wenn ihr alle Schritte einer Entwicklung fehlten, eines Tages wie ein hilfloses, sabberndes Bündel in einem Rollstuhl dahinvegetieren? Durfte man überhaupt so etwas denken? Eine Bekannte riet ihr, das Kind so anzunehmen, wie es war. Annehmen ! Wie sollte das bitte so einfach geschehen? Heute hat Barbara der kinderlosen Frau längst verziehen, damals hätte sie ihr am liebsten ins Gesicht gespuckt. Sie igelte sich mit dem Kind noch weiter zu Hause ein. Wenn sie allein war, haderte sie mit ihrem Gott. Sie weinte, sie klagte an, sie flehte. Warum mein Mädchen? Warum ich? Wofür bestraft mich das Schicksal ein weiteres Mal?

Doch es kam noch schlimmer. Eines Tages, Maria hing gerade noch schlaff in der Wippe auf dem Küchentisch, ohne das lustige Kasperl über ihrem Kopf zu beachten, da fuhren ihre Hände plötzlich ruckhaft in die Höhe, das ganze Kind ein einziges Flattern und Krampfen, die Augen nach oben verdreht. Dann war sie weg. Barbara riss das Baby aus der Wippe, schüttelte es, schrie, barg es in ihren Armen und brach auf dem Stuhl zusammen. Ein eiskalter Griff legte sich um ihr Herz. Endlich kam Maria zurück. Barbara wagte nicht, das Kind ins Auto zu packen und bis in die Praxis des Homöopathen in der Großstadt zu fahren. Sie rief Dr. Swoboda an und schilderte alles, was irgendwie wichtig sein könnte. Nicht nur den Krampfanfälle und die Bewusstlosigkeit danach, auch das zunehmende Schielen, die Verrenkungen ihres Körpes, den irrwitzig nach oben verdrehten großen Zeh, und vor allem das Ausbleiben jeglicher Entwicklung.

Am nächsten Tag erhielt Maria Post. Drei Globuli sollten ihr Schicksal wenden. Drei Wochen später geschah etwas gänzlich Unerwartetes. Barbara traute ihren Augen nicht. Maria musste sich umgedreht haben. Aber noch viel erstaunlicher war: Sie stand im Vierfüßlerstand wie ein Kätzchen auf Händen und Knien und guckte zwischen den Gitterstäben ihres Bettchens hindurch zu ihrer Mutter. Ein inneres lebendiges Strahlen kam aus ihren Augen, das Barbara nie in ihrem Leben vergessen wird, und für einen Moment verschlug es ihr den Atem. Dann hob sie ihr Baby aus dem Bett und küsste es von oben bis unten ab. Wenn so etwas möglich war, würde es vielleicht doch noch eine Entwicklung für Maria geben.

Auf Geheiß ihres Arztes konsultierten die Eltern jetzt die Fachärzte des Großklinikums in der Hauptstadt. Bis dahin hatten sie diesen Schritt nicht gewagt. Das Schreckenswort Epilepsie fiel. Aber man konnte nichts Exaktes finden. In seinem schriftlichen Befund an den Hausarzt urteilte der Spezialist: „Man muss sagen, dass. die Ursache dieser deutlichen und für die Zukunft sorgenvollen Retardierung nicht klar ist.“ Von weiteren neurologischen Untersuchungen sei wenig zu erwarten, eine professionelle Frühförderung überflüssig, denn die Eltern machten bereits alles, was möglich sei. Er stellte bei dem damals 15 Monate alten Kind fest: „Kein sicherer Pinzettengriff mit freiem Zeigefinger, kaum Doppelsilbenketten, von Zweisilben-Wörtern ganz zu schweigen, Explorieren ausschließlich über den Mund. Der Gesamteindruck des grundsätzlich freundlichen Kindes ist durch das ausgeprägte Schielen stark beeinträchtigt. Kein stabiles freies Sitzen, kein sich zum Stehen hochziehen, allenfalls mit etwas Hilfe Vierfüßlerstand.“ Der Diagnose des Spezialisten: „ernste Entwicklungsverzögerung“ entsprach die Prognose einer „sorgenvollen Zukunft“. Dass Maria erst nach erst nach einer homöopathischen Arznei vor knapp zwei Monaten in jene wackelige Startposition zum Krabbeln gegangen war, wusste der Professor nicht. Die Eltern hatten ihm auch verschwiegen, wie inaktiv Maria dreizehn Monate lang gewesen war. Was er dann wohl gesagt hätte, wollten sie sich gar nicht ausmalen. Als Barbara und Johannes wieder zu Hause und die Kinder im Bett waren, sanken sie kraftlos auf die Couch, hielten einander fest und weinten die ganze Nacht. Alles brach aus ihnen heraus. Das, was sie einander so lange nicht eingestanden hatten. Die ängste und Sorgen, die sie quälten. Die Bitterkeit. Die Enttäuschung. Die Verzweiflung. Was würde einmal aus ihrer Tochter werden. Der Professor hatte ihnen deutlich gesagt, dass er ihnen keine Hoffnung machen konnte. Doch Barbara kämpfte. Als erstes hörte sie auf damit, sich zu Hause zu verstecken. Sie nahm Kontakt auf mit anderen Müttern, auch wenn es jedes Mal aufs Neue eine Prüfung war zu sehen, wie die Gleichaltrigen bereits auf ihren Beinchen herum staksten, während ihre Tochter nur auf dem Rücken lag wie ein verdrehter Käfer. Die Prognose des Professors schien sich zu bewahrheiten. Ihr Gefühl aber sagte ihr, dass diese Kügelchen etwas bewirkt hatten. Sie versuchte, es zu rekapitulieren. Kurz nach der Einnahme des Mittels und bevor Maria sich auf Hände und Füße gestellt hatte, waren da ein heftiger Schnupfen, ein schleimiger Husten und viel Schluckauf gewesen. Immer wieder hatte das Kind unendlich tief Luft geholt, es hatte auffällig viel geweint und sich kaum beruhigen lassen. Und es hatte sich auch mehr bewegt, was Barbara zunächst auf das Fieber geschoben hatte. Irgendwann hatte Maria dann sehr gut geschlafen. Einmal meinte Barbara, sie habe Maria deutlich juchzen hören. Ein erster Laut einer lebendigen Fröhlichkeit. Konnte das überhaupt sein? Sie traute sich damals nicht, daran zu glauben. Dann aber der Vierfüßlerstand, über den sie so glücklich war und der für den Professor doch nur ein winziges Indiz des Gesunden in einer sonst völlig unzureichenden kranken Entwicklung war. Zwei Monate nach dem ernüchternden Besuch in der Klinik im Dezember entschied sich ihr homöopathischer Arzt für eine weitere Gabe des potenzierten Wasserschierlings, Cicuta virosa. Wieder gab es eine heftige Reaktion: Schluckauf, Nackenschweiß, Erbrechen. Wenn dieser Aufruhr auf das Mittel nachließ, kam nach etwa zwei Wochen die positive Wirkung. Barbara konnte das später immer wieder beobachten. Das, wovor sie am meisten Angst hatte, die Krampfanfälle, waren schon nach der ersten Gabe gänzlich ausgeblieben.

Ein Jahr lang bekam Maria wiederholt ihre Globuli und ihre Mutter führte Buch: Am 11.Februar krabbelt Maria, wenig später zieht sie sich zum ersten Mal am Treppengeländer hoch. Am 25. April, nach einer dritten Gabe, steht Maria in der Gehschule frei, im Mai geht sie ihre ersten Schritte in der Gehhilfe in der Küche hin und her. Im Oktober desselben Jahres erhält Maria das Mittel in einer höheren Potenz, der C 1000. Wieder gibt es eine heftige Erstreaktion, danach läuft Maria alleine. Im November, sie ist jetzt zwei Jahre und zwei Monate alt, macht sie ihre Erkundungsgänge durch die Wohnung, plaudert in Babysprache, stellt Dosen übereinander, räumt Mamas Handtasche aus und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Ein paar Monate später stellt Maria, ohne vorher andere Worte gesprochen zu haben, ihre erste Frage. Sie hat draußen ein Geräusch gehört und fragt: „Wer kommt denn da?“ Jedes Mal, wenn Maria ihre Arznei bekommt, macht sie einen weiteren Sprung in ihrer Entwicklung.

Barbara war ganz aufgeregt, als sie dem Entwicklungsdiagnostiker in der Kreisstadt von Marias Fortschritten berichtete. Der hielt nichts von Homöopathie, schüttelte nur den Kopf und wollte ihr nicht glauben, bis er es mit eigenen Augen sah. Barbara konnte es ja selbst kaum fassen. Als sie Maria da zum ersten Mal am Treppengeländer stehen sah, auf den Außenknöcheln, die Fußsohlen zur Seite verdreht, dachte sie noch: Mein Gott, wie furchtbar das aussieht, sie wird sich alles brechen, wenn sie versucht zu laufen. Wie soll das nur funktionieren? Aber die verformten Füßchen richteten sich mit dem Gehen ein und wurden immer besser. Der Diagnostiker schrieb dann sehr sachlich und nüchtern in seinem Befund über das zweieinhalb Jahre alte Kind: „Der Knickfuß hat im Vergleich zur letzten Untersuchung abgenommen. Maria kann Mama, Papa und Baby sagen. Sie kann ein Lied singen. Sie kann alleine mit der Gabel essen. Sie ahmt vieles nach, Laute und Mimik. Sie kennt alle Körperteile. Sie beginnt, sich selbst auszuziehen. Sie fängt an zu kritzeln und zu malen. Sie ist freundlich, aber sehr anlehnungsbedürftig. Sie hört sehr gut. Der Muskeltonus aber ist insgesamt herabgesetzt, alle Bewegungen sind grob verzittert.“ Insgesamt taxierte er den Entwicklungsrückstand auf ca. 30%. Diese Quote war ein gutes Jahr zuvor nach der Untersuchung im Großklinikum noch bei mindestens 60% angesetzt worden. Als der Diagnostiker das Mädchen zwei Jahre später wieder sah, ging sie mittlerweile als Integrationskind in den Kindergarten.

Obwohl sie dort sehr viel lernte, begann eine schwierige Phase. Ihr Immunsystem musste mit all dem kämpfen, was Kindergartenkinder so durchmachen: Mittelohrentzündung, Erkältungen, Kinderkrankheiten. Maria warfen solche Infektionen weiter zurück als andere Kinder. In diesen Situationen lernte Barbara die Regression fürchten, die ihr Mädchen bis heute immer wieder aus der Bahn werfen und in das andere Land bis zur Endstation „Spiegel“ führen kann. Dennoch machte Maria weiter Fortschritte. Im Alter von vier Jahren war ihre Motorik viel besser geworden, allerdings immer noch „zielungenau“. Der Kinderarzt attestierte dem Kind in seinen geistigen Fähigkeiten, seiner persönlich-sozialen Entwicklung und seinem praktischen Verständnis den Entwicklungsstand einer Dreijährigen. Wieder aufgeholt also. Mit acht Jahren würde Maria Rechenkönigin sein. Und mit 11 würde sie den Sprachtest genau so gut machen, wie die Kinder, die auf das Gymnasium wechselten.

Was für ein unermüdlicher Kampf aber dahinter war. Es war Barbara, die nicht aufgab. Denn von allein ging bei Maria gar nichts. Von Natur aus war sie überhaupt nicht neugierig, von selbst hätte sie nicht lernen wollen. Und wenn im Kontrollbefund des Kinderarztes für das vierjährige Kind in einer Zeile der banale Satz steht,“Maria hat einen guten Wortschatz, spricht viel und lebhaft“, steckt darin die unerschöpfliche Hingabe der Mutter an ihr Kind. Sie weiß noch sehr gut, wie Maria mit zweieinhalb die ersten Schritte machte, aber absolut nichts sprach. Kein einziges Wort. Und sie hat noch die Vorwürfe der Freunde und Bekannten im Ohr, sie beschäftige sich nicht genug mit Maria, während Barbara doch den ganzen Tag mit ihrer Tochter sang, Kinderreime aufsagte und ihr Geschichten erzählte. Sie erinnert sich auch an den Rat der Frühförderin, mit ihren Fingern die Muskulatur in Marias Mund zu reizen, damit sie endlich beginne, Laute zu formen. Aber nichts war passiert. Und dann war es wieder die Homöopathie, die den nächsten Schub in Gang setzte. Der erste Satz kam. Luftsprünge hätte sie machen können, als die Kleine da an der Treppe stand und sagte: „Wer kommt denn da?“ Bevor Maria jedoch das Sprechen lernte, mussten Mutter und Kind, wie immer vor dem nächsten Schritt, durch eine schwere Krise.

Jede Einnahme der potenzierten Giftpflanze stürzte Maria erst einmal in das Fegefeuer einer Arzneireaktion. Noch heute denkt Barbara mit Schrecken an das schlimme Ekzem, das sich fast sechs Wochen lang mit eitrigen Pusteln auf den Handinnenflächen und Fußsohlen ihrer Tochter festsetzte. Auf einem Silvesterfoto aus dieser Zeit ist eine sehr blasse, angestrengt wirkende Maria unter Girlanden und Luftschlangen zu sehen. Da ging es ihr wirklich schlecht , auch psychisch. Sie schrie vor Schmerzen schon, wenn Barbara ihr nur die Hose über die entzündeten Füße ziehen wollte. Barbara schlief so wenig wie Maria, denn nachts hielt sie das wimmernde Kind in den Armen, ließ es zu, dass es ihr die eitrigen Hände in die Haare schmierte und hielt das unaufhörliche Greinen und Schreien bis zum Morgen aus, wenn es endlich erschöpft einnickte. Sechs Wochen ging das so und dann wurden Mutter und Kind mit dem nächsten Entwicklungsschritt belohnt. Der Ausschlag verschwand und Maria begann zu reden. Ein Jahr danach stand sie, unterstützt vom Papa, zum ersten Mal auf Skiern. Nach solchen hart erkämpften Erfolgen musste Barbara oft an jenen Tag denken, als ihr kleines Mädchen den ersten Krampfanfall erlitten hatte und schlaff, wie tot in ihren Armen hing. Und nun Maria auf Skiern? Oh ja, alles kam spät, kam mühsam, bestimmt nicht von selbst. Ob es darum ging, selber zu essen, sauber zu werden, zu laufen oder zu reden. Doch Barbara war unendlich dankbar dafür, dass es überhaupt kam, sie dankte für jeden einzelnen Schritt und sie vertraute darauf, dass es immer weiter vorwärts gehen würde.

Ihre Maria ist wirklich gesegnet. Es gibt diesen Arzt, der das zu ihr passende Mittel gefunden hat. Sie lebt auf dem Land, an einem Ort, in dem das Leben ein wenig langsamer geht als anderswo. Ihre Eltern konnten für das behinderte Kind optimalen Bedingungen schaffen. Dabei wurden sie von der Gemeinde ganz unbürokratisch unterstützt. Barbara und ihr Mann sind beide Lehrer an der Gesamtschule in ihrem Dorf und sehr engagiert in der Kirche. Maria bekam im Kindergarten eine zusätzliche Heilpädagogin und später in der Schule eine eigene Assistenz-Lehrerin. Wer ein behindertes Kind erzieht, weiß, wie wichtig Ausnahmegenehmigung sein können. So darf Maria ohne Probleme eine Stunde später in die Schule kommen. Sie braucht wie viele entwicklungsverzögerte Kinder zwölf Stunden Schlaf und viel Zeit beim Aufstehen und Anziehen. Auch die Lernmethoden einer normalen Regelschule sind oft nicht ausreichend für solch ein Kind. Barbara machte extra eine Montessori-Ausbildung, um ihr Kind zu Hause zusätzlich und anders als in der Schule zu unterrichten, weil sie feststellte, dass Maria am besten über den Tastsinn lernte.

Ihre ersten Schreibversuche waren dennoch total daneben. Als Lehrerin hatte Barbara noch kein Schulkind gesehen, das so in sich verdrehte Buchstaben nachschrieb. Von A bis Z lagen sie völlig verkritzelt auf dem Rücken, weit komplizierter als sie tatsächlich waren. über taktile übungen und über die Tasten des Computers lernte Maria tatsächlich schreiben. Ihr erste Brief wurde im Original an ihren homöopathischen Arzt geschickt. Die Kopie klebt in Marias Fotoalbum: „Mama soll gesund bleiben, Papa soll gesund bleiben, Mama putzt das Haus, deine Maria.“ Es war ihr erstes freies Schreiben, nicht ein Nachmalen von Buchstaben wie bis dahin. Maria formulierte ohne Anleitung. Dieser erste Brief war eine überraschung wie alles andere auch. Zunächst dachte Barbara, ihre Tochter mache nur einen Spaß, als sie um Papier bat. Sie hatte es ihr damals nicht zugetraut. Und als Maria zwei Jahre später ihrer Mutter sagte, dass man seit der Rechtschreibform den „Riss“ nicht mehr mit scharfen ß, sondern mit zwei s schreibt, war es Barbara, die einen Krampfanfall erlitt. Sie lachte und lachte, bis sie nach Luft japsen musste und ihr die Tränen übers Gesicht liefen.

Maria konnte schon lesen, als sie in die Schule kam. Und sie arbeitete mit ihrer Mutter auch den anderen Stoff durch, bevor er für die anderen Kinder an der Reihe war. Barbara versuchte zu verhindern, dass Maria in der Schule unter Druck geriet, denn sie war immer langsamer als die anderen. Als sie Maria Rechnen lehrte, bangte sie schon darum, wie man wohl die Hunderter Grenze schaffen würde, während Maria es mit Fingern und Händen gerade gelang, die Zehner zu beherrschen und Zahlenreihen von 1 bis 99 zu zerlegen. Dann stieß sie auf die kybernetische Methode, die ein deutscher Mathematiker für sein eigenes behindertes Kind entwickelt hatte. So lernte Maria das Rechnen mit Zahlenpaketen, die sich auf die natürliche taktile Begabung von Grundschülern stützt. Immer fürchtete Barbara, dass die Lehrerin und die andern Kinder zu nahe mit dem Stoff an ihren Vorsprung herankämen, denn unter Stress würde ihre Tochter das Erlernte schnell durcheinander würfeln.

Cicuta war wie eine Lernhilfe für Maria. Nach jeder Einnahme konnte sie sich wieder besser konzentrieren. Sie zeichnete und malte viel genauer und sicherer, las aufmerksamer und rechnete blitzschnell im Kopf wie beschleunigt. Ließ die Wirkung nach, ging das Zerlegen der Zahlenreihen immer zögerlicher, es wurden Wörter vergessen, sie begann, zu stolpern und zu schlingern, um schließlich abzudriften in jene andere Welt. Barbara weiß, dass Maria das alles nur schaffen konnte, weil sie ihr Kind von morgens bis abends förderte. Während Maria ihrer Mutter Haare aufsteckte, schulte sie durch das Hantieren mit Klemmchen und Spängelchen unbewusst ihre Feinmotorik. Zur gleichen Zeit fragte die Mama die Lernwörter ab, oder ließ sie das Einmalseins aufsagen, um ihre Konzentration und das Zusammenspiel beider Gehirnhälften zu trainieren. In allen Ferien wiederholte sie mit Maria den gesamten Stoff. In den letzten Ferien hat sie zum ersten Mal nichts geübt. Sie wollte selbst einmal Ferien haben, auch wenn sie Angst hatte, dass dann das große Einmaleins wieder weg sein könnte. Nein, an all die kostbare Zeit, in der sie ihr das beigebracht hat, darf sie dabei nicht denken.

Bis heute hat Maria keine Diagnose, es liegt keine Stoffwechselstörung vor, die Gehirnströme sind nicht auffällig. Niemand weiß, welche Krankheit Maria hat oder wie das Defizit zu benennen wäre, an dem sie leidet. Als Barbara das letzte Mal lange auf die Herstellung der nächst höheren Potenz von Cicuta warten musste, war sie ganz verzweifelt, weil sie weiß, wie tief Maria wegtauchen kann. Auch Maria weiß das und bettelte: „Mama, gib mir bitte Cicuta. Sie spürte, es ging ihr nicht gut, sie war müde, tollpatschig, traute sich nichts zu. Und dabei musste man abwarten und zusehen, wie Maria litt und weiter abfiel, nicht mehr auf die Stufe kam, auf der sie vorher war. Geholfen hat Cicuta auf der alten Potenzstufe noch bei eher alltäglichen Problemen wie Erkältungen oder einer Blasenentzündung. Aber es wirkte nicht mehr so in die Tiefe, dass ihr Grundleiden berührt worden wäre. Erst nach der Gabe einer höheren Potenz kam Maria wieder in Bewegung.

Sie machte einen großen Schritt hinaus in die Welt. Sie traut sich jetzt zu, ihre Freunde anzurufen und draußen alleine mit ihnen zu spielen. Ohne die Mama. Auf dem großen Platz vor der alten Fabrik fährt Maria auf ihrem neuen roten Roller und tollt stundenlang mit den Nachbarskindern herum. Bevor sie sich mit ihren Freunden trifft, hängt sie zärtlich an Mama und Papa und will mit dem Küssen gar nicht mehr aufhören. Sie hat nicht diese emotionale Distanz, die Kinder ihres Alters langsam entwickeln. Barbara macht sich darüber Sorgen, denn Marias Brüste wachsen schon, sie wird bald in die Pubertät kommen. Was, wenn sie mit ihrer Arglosigkeit an den Falschen gerät? Wie wird es weitergehen mit ihr in der Schule, wird sie es tatsächlich schaffen, einmal Friseurin zu werden? Noch glaubt Barbara nicht daran. Wie soll Maria es jemals gelingen, dünne Haarsträhnen auf winzige Dauerwellenwickler zu drehen? Zwar ist der Grundschulstoff bewältigt, auch das hatte sie erst nicht erhofft. Und für die Hauptschule wird sich Barbara eine neue Methode ausdenken. Sie arbeitet schon daran. Doch ohne Cicuta wird es nicht gehen. Trotz aller Anstrengung und Förderung würde es selbst Barbara, die so unermüdliche Kämpferin für ihr Kind, nicht schaffen, ohne diese Medizin Maria vor jenem gefürchtete Endzustand zu bewahren: Wenn sie vor dem Spiegel kniet, den Kopf hin und her wirft, mit den Armen rudert und diese Laute von sich gibt, die aus jenem anderen dunklen, namenlosen und für uns unbegreiflichen Land stammen.

Kommentar

Als Maria im ersten Lebensjahr dem homöopathischen Arzt Dr. Swoboda vorgestellt wurde, gab es noch keine lange Biographie eines wechselvollen Lebens zu erzählen und Maria konnte ihre subjektiven Beschwerden nicht einmal selbst schildern. Bei Säuglingen und Kleinkindern ist der Homöopath vor allem auf seine eigene Wahrnehmung und die der Eltern angewiesen. Die Verschreibung einer Arznei beruht in dieser Lebensphase oft nur auf wenigen Symptomen, die zudem nicht sehr spezifisch für das kranke Individuum sind. Dieser Mangel an der für eine erfolgreiche homöopathische Behandlung notwendigen Individualisierung wird dadurch ausgeglichen, dass Kinder im Allgemeinen sensibler auf die feinen Impulse dieser Heilweise reagieren als Erwachsene. So kann auch eine nicht ganz optimale Arznei zu einem guten Erfolg führen, vor allem bei akuten Erkrankungen.

Das gilt jedoch nicht für Krankheitsprozesse, die tief in der angeborenen und erworbenen Konstitution eines Menschen verankert sind, in seiner körperlichen und geistigen Struktur. In solchen Fällen muss man auch bei Kindern eine maßgeschneiderte homöopathische Arznei finden, ein sogenanntes „Konstitutionsmittel“, das nicht nur die aktuelle Symptomatik, sondern die gesamte erkennbare Verfassung des Organismus berücksichtigt, seine besondere Reaktionsweise, seine Schwachstellen, seine Eigenheiten. Immer wiederkehrende Infekte wie bei Maria gehören in der kinderärztlichen Praxis zu den häufigsten Problemen, die einer solchen konstitutionellen homöopathischen Behandlung bedürfen, ebenso wie eine Verzögerung der kindlichen Entwicklung.

Im sechsten Lebensmonat mochten Marias Eltern ihr bewegungsarmes, passives Baby noch für einen „Spätzünder“ halten. Ihr Entwicklungsstillstand wurde jedoch schon zu diesem Zeitpunkt in die Arzneimittelwahl mit einbezogen. Gerade dieses Symptom wies zusammen mit der Neigung zu Infekten und dem ausgeprägten Kopfschweiß im Schlaf deutlich in Richtung von Calcium carbonicum Hahnemannii. Diese Arznei, die im Säuglingsalter häufig angezeigt ist, war in Marias Fall durchaus im Sinne eines Konstitutionsmittels wirksam, denn sie hat nicht nur die akute Atemwegserkrankung, sondern die Infektanfälligkeit insgesamt kuriert. Die tiefe Schicht allerdings, in der das Problem der Entwicklungsverzögerung angelegt, quasi programmiert war, konnte der potenzierte Austernschalenkalk offensichtlich nicht erreichen. So warteten die Eltern weiter vergeblich darauf, dass ihr Kind greifen, sich drehen, krabbeln oder plappern würde.

Schließlich gab Maria selbst auf dramatische Weise das Signal, dass etwas geschehen müsse. Der Krampfanfall verlangte auch von homöopathischer Seite eine stärkere Reaktion. Wenn man mit Hilfe eines Repertoriums die Arzneimittel auflistet, die nach dem ähnlichkeitsprinzip in dieser Situation und bei der Kombination von Marias charakteristischen Symptomen in Frage kamen, so fällt auf, dass es sich überwiegend um besonders giftige Substanzen handelt. Der Fliegenpilz ist ebenso dabei wie das Krötengift von Bufo vulgaris oder der Saft aus den Kapseln des Schlafmohns. Zu Marias Krankheitsbild gehört aus homöopathischer Sicht eben eine Arznei, die einen derartig bedrohlichen Zustand auslösen kann. Dazu zählt auch Cicuta virosa, eines der Hauptmittel in der Behandlung von Krampfanfällen. Wer nur ein einziges Gramm von der frischen Wurzel des Wasserschierlings zu sich nimmt, stirbt innerhalb einer Stunde unter heftigen Krämpfen, die den ganzen Körper befallen. Die tödliche Wirkung ist absolut sicher und das Gift lässt sich schon nach kurzer Zeit in der Blutbahn nicht mehr nachweisen.

Die Vergiftungssymptome bilden bei Cicuta wie bei vielen anderen stark toxischen Substanzen die Grundlage für ihre Anwendung in der Homöopathie. So ist der hoch verdünnte und potenzierte Wasserschierling angezeigt bei epileptischen Anfällen mit nachfolgender Bewusstlosigkeit, wie sie bei einer Cicuta-Vergiftung auftreten. Die wichtigste Informationsquelle für den Homöopathen ist allerdings die Prüfung der potenzierten Substanz am Gesunden. Bei einer solchen Arzneimittelprüfung bemerkte bereits Samuel Hahnemann an einer Probandin, die verdünnte Cicuta-Tinktur eingenommen hatte: „Sie tritt, beim Gehen, nicht gehörig auf die Fußsohlen; sie kippen viel einwärts.“ Und Vithoulkas ergänzt zu diesem Symptom: „Geht auf der äußeren Kante des Fußes“. Zu den Prüfungs- und Vergiftungssymptomen kommen noch die klinischen Erfahrungen, die an Patienten nach der Anwendung einer bestimmten Arznei gemacht wurden. Als besonders genauer Beobachter hat sich dabei der berühmte amerikanische Arzt James Tyler Kent erwiesen, dessen Repertorium für viele Generationen von Homöopathen unverzichtbar war. In diesem Standardwerk sind für das Symptom „Strabismus convergens“ (Schielen einwärts) nur sechs Arzneien verzeichnet, unter denen Cicuta virosa besonders hervorgehoben ist. Und in seinen „Arzneimittelbildern“ schreibt Kent über den Wasserschierling u.a.: „Kopfschweiß während des Schlafs. Kinder rollen den Kopf von einer Seite zur anderen“.

Betrachtet man die Liste der Symptome von Cicuta virosa, die aus dem Vergiftungsbild, der Arzneimittelprüfung und der Erfahrung am Patienten stammen, so finden sich darin also alle wesentlichen Krankheitsphänomene, die wir aus der Geschichte von Maria kennen: die Krampfanfälle mit Ohnmacht, das Schielen, der auffällige Knickfuss und auch das Hauptproblem. Denn im Repertorium Synthesis, einer modernen Erweiterung des Kent’schen Symptomenverzeichnisses, ist Cicuta als eines der wichtigen Mittel bei kindlichem Entwicklungsstillstand ausgewiesen. Bei so viel übereinstimmung, auch in den ungewöhnlichen und charakteristischen Symptomen, war durchaus mit einer Reaktion auf den potenzierten Wasserschierling zu rechnen. Das Ausmaß dieser Reaktion überstieg allerdings die Erwartung der Eltern und wohl auch die des Homöopathen. Am wichtigsten war natürlich zunächst, dass keine Krampfanfälle mehr auftraten. Maria blieb so das Stigma der Epilepsie und eine damit verbundene langjährige und eingreifende medikamentöse Therapie erspart. Und ihre Lebensenergie konnte sich nun mit einiger Verspätung in geordneten Bahnen ausbreiten.

Einen Schritt nach dem anderen holte sie nach, in der von der Natur vorgegebenen Reihenfolge. Denn die motorische Entwicklung eines Menschen folgt immer dem gleichen Plan, vom Kopf abwärts bis zu den Füßen. Jedes Kind lernt seine Muskeln von oben nach unten zu beherrschen. So ist es zuerst zur Kopfkontrolle fähig, bevor es Schultern, Arme und Hände willentlich benutzen kann. Dann geht die Entwicklung weiter über Rücken und Hüften zu den Beinen, bis das Kind schließlich laufen lernt. Die Fähigkeit dazu ist angelegt und die natürlichen Entwicklungsprozesse und ihre Abfolge können von außen kaum beeinflusst werden. Die Aufgabe der Eltern während der motorischen Entwicklung beschränkt sich deshalb darauf, Bewegungsräume zu schaffen, ihr Kind zu ermuntern und in seinen Fortschritten zu bestätigen und zu loben. Bei Maria war das normale Programm erst gar nicht angelaufen und so konnten Barbara und Johannes sie zunächst in Nichts unterstützen.

Das änderte sich alles nach Cicuta. Doch welche Berechtigung haben wir, den Umschwung in Marias Leben der homöopathischen Behandlung zuzuschreiben ? Wir wissen nicht, wie es sich ohne den Einfluss des Wasserschierlings entwickelt hätte. Wir können Marias Schicksal auch nicht mit dem anderer entwicklungsverzögerter Kindern vergleichen, die später auf eine Heimbetreuung und einen Rollstuhl angewiesen sind. Es ist ja gerade ein wesentliches Merkmal der Homöopathie, jeden kranken Menschen ganz individuell zu betrachten. Das macht es so schwer, die Erfolge dieser Heilweise mit den statistischen Meßmethoden der naturwissenschaftlichen Medizin in randomisierten Doppelblindstudien zu überprüfen. Denn in solchen objektiven Studien geht es immer auch darum, subjektive Einflüsse der beteiligten Individuen möglichst auszuschalten. Ein objektiver, „interindividueller“ Vergleich mit anderen Kindern, die auch in ihrer Entwicklung verzögert sind, ist anhand von Fallgeschichten nicht möglich. Marias Geschichte bietet uns jedoch die besondere Gelegenheit eines „intraindividuellen“ Vergleiches. Wir können bei ihr den Einfluss der Arznei über viele Jahre besonders gut daran ermessen, was passiert, wenn die Wirkung wieder nachlässt, wenn es so weit kommt, dass Maria sagt: „Mama, gib mir bitte Cicuta“.

Dann kann sie sich nicht mehr konzentrieren, wird tollpatschig und verliert die Kontrolle über ihren Körper und ihren Geist. Sie regrediert, kehrt zurück in eine viel frühere Phase ihres Lebens, wird wieder zu einem lallenden Kleinkind. Die erstaunliche ähnlichkeitsbeziehung des Arzneimittelbildes von Cicuta virosa zum Krankheitsbild von Maria zeigt sich sogar in diesem Vorgang. Denn selbst das Thema der Regression taucht in der homöopathischen Arzneimittelprüfung des Wasserschierlings auf. In seiner Reinen Arzneimittellehre aus dem Jahr 1819 beschreibt Samuel Hahnemann folgendes Symptom eines erwachsenen Probanden: „Er deuchtete sich wie ein Kind von 7, 8 Jahren, als wären ihm die Gegenstände sehr lieb und anziehend, wie einem Kinde das Spielzeug.“ Und Georgos Vithoulkas schreibt über Cicuta: „In chronischen Krankheitszuständen, die Geist und Gemüt betreffen, fallen die Symptome der Unreife und des kindlichen, ja kindischen Wesens auf. Manchmal vermitteln die Patienten einen vollkommen unschuldigen Eindruck“. Der letzte Satz beschreibt Marias Wesen auch in ihren guten Phasen, dann, wenn sie ihr Mittel genommen hat und wieder wach ist, präsent und konzentriert in ihrer Motorik und ihrer Aufmerksamkeit bei ihren alltäglichen Aufgaben. über mittlerweile zehn Jahre kennen Maria und ihre Eltern den Effekt ihrer Arznei und bauen darauf.

Dieser Effekt – und das ist ein wesentliches Kriterium für die Wirksamkeit einer Arznei – ließ sich in der ganzen Zeit zuverlässig reproduzieren. Mit einer Ausnahme. Nach mehreren Einnahmen der gleichen Potenzstufe erschöpft sich die Wirkung. Das ist ein gut bekanntes Phänomen in der Homöopathie. In so einem Fall gibt man das gleiche Mittel in einer höheren Potenz. Ausgehend von der C 200, für deren Herstellung man die Urtinktur der frischen Cicutawurzel 200 Mal im Verhältnis 1:100 verdünnt und verschüttelt hat, wurde in Marias Fall die Potenzstufe über die C 1000 (= 1M) und die C 10.000 (=XM) bis zur C 100.000 (=CM) gesteigert. Es gehört zu den Rätseln der Homöopathie, dass diese infinitesimalen Verdünnungen überhaupt und oft sogar noch besser wirken als die tiefen Potenzen und dass dem Potenzieren von der Natur offenbar keine Grenzen nach oben gesetzt sind. In der Praxis wird der Aufwand allerdings mit der Höhe der Potenzstufe immer größer, so dass eine Steigerung ins Unendliche nicht durchführbar ist. Einige gängige Homöopathika sind immerhin bis auf die Stufe einer C 1.000.000 (=MM) potenziert worden.

Was passiert mit Maria, wenn Cicuta CM nicht mehr wirkt und die Skala der Hochpotenzen ausgereizt ist, weil es keine höhere Potenzstufe des Wasserschierlings mehr gibt ? Man kann dann –und das hat Dr. Swoboda bereits getan – zu einer anderen Zubereitungsform wechseln, z.B. zu den sogenannten LM-Potenzen, die bei jedem Potenzierungsschritt 1 : 50000 verdünnt werden. Maria macht damit weitere Fortschritte. Doch es war nicht sicher, wie sie darauf reagieren würde. Auch bei dieser Frage nützt uns in der Homöopathie keine Statistik. Genauso wenig wissen wir, wie lange Maria ihre Arznei noch brauchen wird. Dass sie diese so lange und immer wieder benötigt hat, zeigt, wie tief in ihrer Konstitution das Problem verwurzelt ist. Woher dieses Problem stammt, von welchem Gen oder aus welcher Phase der embryonalen Entwicklung, konnte wie in so vielen Fällen kindlicher Entwicklungsverzögerung nicht geklärt werden. In der Homöopathie, der Heilkunst der ähnlichkeit von Krankheit und Arznei, gibt es allerdings eine eindeutige Diagnose für Marias Leiden. Sie lautet: Cicuta virosa.

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