Dulcamara

Dulcamara · Dulc.

Solanum dulcamara, bittersüßer Nachtschatten

Mezger: Gesichtete…

Solanum Dulcamara, Bittersüß (Fam. nat. Solanaceae), wächst an Ufern und feuchten Standorten in Europa und Asien. Die Essenz wird aus den frischen Trieben und Blättern vor der Blüte bereitet. Dulcamara gehört zu einer Unterfamilie der Solanaceen, den Solaninae, welche neben dem homöopathisch ebenfalls verwendeten Capsicum auch die Kartoffel, Solanum tuberosum, die Tomate, Solanum Lycopersicum, und das häufige Unkraut, der Schwarze Nachtschatten, Solanum nigrum, umfaßt.

Aus: Gypser, K.-H. Materia Medica Revisa Homoeopathiae, Sammlung homöopathischer Arzneimittel in mehreren Bänden. Dulcamara. Glees 2007, S. 62-66.

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Nachwort zu Dulcamara

(…)

Mit Dulcamara verbinden sich zwei historische Begebenheiten: Zum einen behandelte J.M. Honigberger (1795-1869) – vermutlich 1839 – damit Maharaja Ranjit Singh, womit diese Arznei die erste dokumentierte homöopathisch angewandte in Indien darstellt. [1] Zum anderen eröffnete J.T. Kent (1849-1916) damit die Publikationsserie seiner in Philadelphia gehaltenen Vorlesungen über Materia medica.[2]

In den Paragraphen 127 und 135 der sechsten Organon-Auflage weist Hahnemann auf die Notwendigkeit, Arzneiprüfungen an beiden Geschlechtern vorzunehmen, hin. Für Dulcamara geht eine Teilnahme von Frauen an seinen Versuchen nicht hervor, denn die wenigen, von ihm mitgeteilten weiblichen Genitalsymptome wurden von Carrere, d.h. aus einer toxikologischen Abhandlung, übernommen. Erst W.P. Wesselhoeft (1835-1909) prüfte 1887 das Mittel an (fünf) Frauen – übrigens ausschließlich mit Hochpotenzen – was zwar zu zahlreichen Symptomen führte, darunter aber lediglich zu zwei des weiblichen Genitaltrakts. Auch die 1888 veröffentlichte Prüfung von G.H. Clark erbrachte diesbezüglich keinen wesentlichen Zugewinn, da die vier beigesteuerten Symptome nichts Charakteristisches beinhalten.

Eine seitenstarke Kritik an Hahnemanns Dulcamara-Prüfung wurde 1863 von D. Roth (1800-1885) publiziert.[3] Die vermeintlichen, bereits in der „Reine Arzneimittellehre“ enthaltenen Mißstände schreibt er dabei weniger Hahnemann, sondern dessen Sohn Friedrich sowie dessen Schwester Eleonore zu, die sich als Mitautoren betätigt hätten. Im Zuge seiner Bemängelung spricht Roth unter anderem der auf Carrere zurückgehenden Modalität, Verschlimmerung durch Nässe beziehungsweise feuchtes Wetter, jegliche Stimmigkeit ab. Vergegenwärtigt man sich, daß Hahnemann in zwei weiteren Auflagen seiner „Reine Arzneimittellehre“ und zwei seiner „Die chronischen Krankheiten“ Zeit genug verblieben wäre, etwaige Unrichtigkeiten zu beheben, und daß gerade diese Modalität in vielen Fällen verifiziert worden ist, scheint Roths Einwand alles andere als gerechtfertigt, wie indirekt bereits C. Hering (1800-1880) nahegelegt hat.[4] Eine weitere fragwürdige Kritik, die die Streichung von einhundert Hahnemann-Symptomen empfiehlt, wurde von Langheinz veröffentlicht.[5]

Mit Dulcamara verknüpfte Hering ein Beispiel, das prinzipiellen Charakter aufweist. So äußerte er 1838:[6] „Ebenfalls hüte man sich vor der Annahme des Gegentheils; daraus, daß ein Mittel viele Zeichen hat, die schlimmer in Ruhe werden, folgt nicht, daß es Besserwerden bei Bewegung habe, und umgekehrt. So hat z.B. Dulc. viele Zeichen besser bei Bewegung, aber sehr wenige schlimmer in der Ruhe.“ Wenige Jahre danach schuf C.v. Bönninghausen (1785-1864), dem diese im „Archiv für die homöopathische Heilkunst“ veröffentlichte Bemerkung kaum entgangen sein dürfte, zumal er dem gleichen Heft einen eigenen Beitrag mitgegeben hatte, das „Therapeutische Taschenbuch“. In diesem jedoch wie auch in viel späteren Werken C.M. Bogers (1861-1935) wird fast systematisch gefolgert, daß das Gegenteil einer Verschlimmerungs- automatisch eine Besserungsmodalität darstellen müsse, z.B. wenn Wärme verschlimmere, Kälte folglich bessere. Die Praxis scheint Bönninghausen und Boger nicht selten Recht zu geben, so daß sich daraus eine grobe Regel abstrahieren ließe. Allerdings zeigt wiederum die Praxis, daß Patienten auch der Besserung durch eine konträre Modalität indifferent gegenüberstehen können.

Beim Studium der Symptomenauflistung fällt die wörtliche Übereinstimmung von Prüfungssymptomen auf. So teilte 1887 M.F. Taft (1853 – 1927) [7] einen schmerzhaften Stich in der rechten Brustseite, der plötzlich kam und verging, ebenso mit wie 65 Jahre zuvor der Hahnemann-Mitprüfer G.A. Ahner, erstmals erwähnt in der 2. Auflage des ersten Bandes der „Reine Arzneimittellehre“. Ähnlich verhält es sich mit der selten zu beobachtenden Zungenlähmung, die von fünf verschiedenen Prüfern wahrgenommen wurde. Darüber hinaus wurde der merkwürdige Sachverhalt des Erwachens wie von einem Ruf in den „Die chronischen Krankheiten“ berichtet und ebenso von der genannten Wesselhoeftschen Mitprüferin Taft.

Zu den weiteren Auffälligkeiten zählt, daß die 30jährige Prüferin von G.H. Clark 13 von 53 Symptomen als „leicht“ empfindet.

Das nicht zu übersehende, große, in vielen Kasuistiken als Causa oder Verschlimmerungsmodalität genannte Charakteristikum von Dulcamara stellt feuchte Kälte beziehungsweise Nässe dar. Diese bildete auch den wesentlichen Anlaß zur Einnahme des Mittels, als der Verfasser Anfang September 2000 nach mehreren, infolge Kindertragens schweißtreibenden Spaziergängen der Vortage bei naßkaltem, windigen, plötzlich und zu früh eingebrochenem Herbstwetter am Ende eines langen Praxistags mit starkem Frösteln, besonders am Rücken, mit kalten Händen, Kopfhitze und -röte sowie großer Unruhe niederkam und eine Axillartemperatur von 39,6°C maß. Neben Ziehen in den Gliedern, Rötung und Schwellung der Tonsillen ohne Schmerz, etwas vermehrtem Durst bei unverändertem Appetit bestand im Lendenwirbelbereich ein Gefühl des Durchbrechens oder Durchschneidens, das zu Bewegung nötigte, die jedoch nicht linderte. Letzteres Symptom gab durch seine auffallende Widersprüchlichkeit den Ausschlag bei der Arzneiwahl. Es fand sich in den „Die chronischen Krankheiten“ (Nr. 263) mit folgendem Wortlaut: „Schmerz, als sollte der Leib über den Hüften abgeschnitten werden; zum Hin- und Herbewegen nötigend, doch ohne Linderung.“ Die dreimalige Einnahme von Dulcamara 200 (Schmidt-Nagel) in Auflösung und dreistündigen Abständen führte nach einer gut durchschlafenen Nacht zu folgendem Resultat: Aufwachtemperatur 37,7°C, keinerlei Beschwerden mehr, lediglich noch Schwellung der Tonsillen (die im Tagesverlauf abnahm und anderntags ganz behoben war); unbeeinträchtigte Praxistätigkeit ab 7 Uhr und für den Rest des Tages bei weiterem Temperaturabfall; in der folgenden Nacht starker Brustschweiß, der auch noch in den nächsten Nächten, in jeder aber schwächer, auftrat.

In Hinblick auf durchlaufende Empfindungen trifft man auf stumpfe Stiche (Nr. 383, 385-387, 584, 594, 604, 638-639 u. 901) in den Leibesbereichen Bauch, Brust und Rücken, die zum Teil absatzweise auftreten (Nr. 385 u. 585) oder sich durch Daraufdrücken verschlimmern (Nr. 385, 387 u. 584). In den Symptomen 100 sowie 301 wird, beobachtet von zwei Prüferinnen, ein Verlangen nach Tee genannt, das bisher nur bei wenigen Mitteln beobachtet wurde. Bei der Durchsicht der Kopfsymptome fällt die Schwere des Kopfes auf, die, wenn man Stirn, Scheitel und Hinterhaupt einbezieht, mit acht Prüfungs- (Nr. 70, 73-74, 103-104, 122, 130 u. 965) und zwei klinischen Symptomen (Nr. 71-72) vertreten ist. Ein merkwürdiges Symptom im Kopfbereich stellt die Empfindung, als würde ein Band von Ohr zu Ohr gezogen (Nr. 127), dar. Diese kurze Auflistung soll dem Benutzer als Anregung zu einem sorgfältigen Studium der Charakteristika von Dulcamara dienen.

Hinsichtlich klinischer Erfahrungen nennen 12 Heilungsberichte Durst, der in der Prüfung nur einmal als Begleitsymptom der Hitze aufgetreten ist; die Gegenpolarität, Durstlosigkeit, wurde nur dreimal als Begleitsymptom verzeichnet, nämlich in Zusammenhang mit Mundtrockenheit, Frost beziehungsweise Fieber. Des weiteren ist der hohe Anteil klinischer Symptome aus den Bereichen des Harntrakts sowie der Haut – hier vorwiegend als Heilungen urtikarieller Dermatosen oder Warzen – bemerkenswert. Ähnliches gilt für Durchfälle, hinsichtlich derer verschiedene Autoren bemerken, daß Dulcamara den gewöhnlichen, epidemisch grassierenden Diarrhoen so gut entspräche, daß ein hoher Prozentsatz damit geheilt werde. Beachtenswert sind darüber hinaus die Nackensymptome. Ob Dulcamara tatsächlich zu einem Heuschnupfenmittel heranwächst, läßt sich noch nicht mit Bestimmtheit sagen, da die meisten diesbezüglich bisher verzeichneten Symptome klinischen Ursprungs sind.

(…)

[1] Honigberger, J.M. Früchte aus dem Morgenlande. Wien 1851, S. 106.

[2] Kent, JHC 1(1897), 1, 1.

[3] Studien der Arzneimittellehre. HVJ 14(1863)180-200.

[4] Herings medizinische Schriften. Hrsg. K.-H. Gypser. Bd. III. Göttingen 1988, S. 1524. [MS] [5] Hahnemanns Symptome von Solanum Dulcamara. HVJ 15(1864)21-38.

[6] MS II, S. 612

[7] Mary Florence Taft war die Kusine des amerikanischen Präsidenten William Howard Taft (1857-1930) und Schülerin von J.T. Kent.

Currim, A.N. Kent´s Unpublished Materia Medica. Quarterly Homoeopathic Digest, 23(2006)158.
Winston, J. The Faces of Homoeopathy. Tawa 1999, S. 151.

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