Opium

Opium · Op.

Papaver somniferum
Mohnsaft

Hahnemann, RAL I 264

Der getrocknete Milchsaft aus den grünen, halbreifen Köpfen des Papaver somniferum, vorzüglich des großköpfigen, weißen
Mohns, Papaver officinale.

(…)

Der Mohnsaft ist weit schwieriger in seinen Wirkungen zu beurteilen, als fast irgend eine andre Arznei. In der Erstwirkung kleiner und mäßiger Gaben, in welcher der Organism, gleichsam leidend, sich von der Arznei afficieren läßt, scheint er die Reizbarkeit und Thätigkeit dem Willen unterworfenen Muskeln auf kurze Zeit zu erhöhen, die der unwillkürlichen aber auf längere Zeit zu mindern und währender die Phantasie und den Muth in seiner Erstwirkung erhöhet, zugleich (die äußern Sinne) das Gemeingefühl und Bewußtseyn abzustumpfen und zu betäuben. – Das Gegentheil bringt hierauf der lebende Organism in seiner thätigen Gegenwirkung, in der Nachwirkung hervor; Unreizbarkeit und Unthätigkeit der willkürlichen und krankhaft erhöhete Erregbarkeit der unwillkürlichen Muskeln, und Ideenlosigkeit, bei Ueberempfindlichkeit des Gemeingefühls.

(…)

Keine Arznei in der Welt unterdrückt die Klagen des Kranken schneller als der Mohnsaft.

(…)

Allen Arten von Husten, Durchfällen, Erbrechen, Schlaflosigkeit, Melancholie, Krämpfen und Nervenbeschwerden – vorzüglich aber allen Arten von Schmerzen ohne Unterschied setzte man Mohnsaft als das vermeintliche Hauptmittel entgegen.

(…)

Denn wo fände sich wohl ein dem Mohnsaft gleiches Heilmittel in der hartnäckigsten Leibverstopfung und in den hitzigsten Fiebern mit klagenloser, betäubungsähnlicher Schlafsucht unter Schnarchen bei halboffenem Munde, und Zucken der Glieder, mit brennender Hitze des schwitzenden Körpers und in einigen andern, den Erstwirkungen des Mohnsaftes an Aehnlichkeit entsprechenden Krankheits-Zuständen.

(…)

Fast nur Mohnsaft allein erregt in der Erstwirkung keinen einzigen Schmerz. Jedes andere bekannte Arzneimittel dagegen erregt im gesunden menschlichen Körper, jedes seine eigene Arten von Schmerzen in seiner Erstwirkung, und kann daher die ähnlichen Krankheiten (homöopathisch) heilen und vertilgen, vorzüglich wenn auch die übrigen Symptome der Krankheit mit den von der Arznei beobachteten in Aehnlichkeit übereinstimmen. Nur allein Mohnsaft kann keinen einzigen Schmerz homöopathisch, das ist, dauerhaft besiegen, weil er für sich keinen einzigen Schmerz in der Erstwirkung erzeugt, sondern das gerade Gegentheil, Empfindungslosigkeit, deren unausbleibliche Folge (Nachwirkung) eine größere Empfindlichkeit als vorher und daher eine peinlichere Schmerzempfindung ist.

(…)

Betäubung, Leibesverstopfung und andre beschwerliche und gefährliche Symptome, die bei dieser zweckwidrigen antipathischen Anwendung desselben natürlich zum Vorscheine kommen mußten, und des Opiums eigenthümliche Wirkungen sind, ohne welches es nicht Opium wäre. Diese bei einer solchen Anwendung unvermeidlichen, lästigen Wirkungen hielt man aber nicht für das, was sie sind, für Eigenthümlichkeit des Wesens des Mohnsaftes, sondern für ihm bloß anklebende Unart, die man ihm durch allerlei Künste benehmen müsse, um ihn ganz unschädlich und gutartig zu machen. In diesem ihrem Wahne versuchten sie von Zeit zu Zeit, seit nun fast zwei tausend Jahren, durch sogenannte Corrigentia ihm diese angeblichen Unarten zu benehmen, damit es fortan Schmerzen und Krämpfe stillen lerne, ohne Delirien oder Hartleibigkeit zu erzeugen, – Erbrechen und Durchfall hemme, ohne zu betäuben, und alte Schlaflosigkeit zu gutem Schlafe umwandle, ohne Hitze zu erregen und ohne Kopfschmerz, Zittern, Mattigkeit, Frostigkeit und Niedergeschlagenheit zu hinterlassen.

(…)

Daher setzte man ihm hitzige Gewürze zu, um seine in der Nachwirkung anzutreffende kältende Eigenschaft, und fügte ihm Laxirmittel und Salze bei, um seine leibverstopfende Unartigkeit zu tilgen u.s.w. Vorzüglich suchte man durch mehrmaliges Auflösen desselben in Wasser, dann Durchseihen und Eindicken, sein rohes, ihm angeblich unnützes, schädliches Harz davon zu scheiden, auch wohl durch monatlange Digestionen das ihm anhängende, flüchtige, vermeintlich giftartig narkotische Wesen davon zu treiben; ja man ging so weit, daß man diesen Saft durch Rösten über Feuer zu veredeln und mild zu machen suchte und bildete sich dann ein, eine köstliche Panacee gegen alle jene Uebel und Beschwerden, gegen Schmerzen, Schlaflosigkeit, Durchfall u.s.w. erarbeitet zu haben, welche alle bekannte Mohnsaft-Unarten abgelegt hätte.

(…)

Der Mohnsaft hat vor vielen andern Arzneien die Eigenheit voraus, daß er bei ganz Ungewohnten und bei sehr erregbaren Personen, noch mehr aber in sehr großen Gaben zuweilen kurz dauernde, oft nur augenblickliche Reaktion besonderer Art sehen läßt, die aber theils ihrer Kürze, theils ihrer Seltenheit, theils ihrer Natur wegen, nicht mit der eigentlichen Haupt- und Erstwirkung verwechselt werden darf. Diese seltnen, augenblicklichen,a nfänglichen Reaktionen stimmen fast völlig mit der Nachwirkung des Organism auf Opium überein (und sind so zu sagen, ein Wiederscheind ieser Nachwirkung): Todtenblässe, Kälte der Gliedmaßen oder des ganzen Körpers, kalter Schweiß, zaghafte Angst, Zittern und Zagen, schleimiger Stuhlgang, augenblickliches Erbrechen, oder Hüsteln, und sehr selten dieser oder jener Schmerz.

(…)

Labor Gudjons:


Verwendet wurde getrockneter Milchsaft grüner Mohnkapseln aus der Ostrhön.

Keine Angabe im Homöopathischen Arzneibuch (nur Papaver rhoeas, Klatschmohn)


J. Buchner, Homöopathische Arznei-Bereitungslehre, München 1852,S. 385:

„Wir erhalten das Opium, den ausgetrockneten Saft aus den grünen halbreifen Köpfen des Papaver somniferum L. vorzüglich des grossköpfigen weissen Mohns Papaver officinale Gm. in gleichförmigen braunen, fettartig glänzenden Kuchen von sehr bitter scharfem Geschmacke und betäubendem, mit dem Alter sich verminderndem Geruch.“

Dr. Willmar Schwabes Homöopathisches Arzneibuch, Leipzig 1924, S.270:

„Der in Kleinasien durch Einschnitte in die unreifen Fruchtkapseln erhaltene und an der Luft getrocknete Michsaft von Papaver somniferum L.Fam. nat.: Papaveracea.

Provings.infoInformationen zur Systematik
und Arzneimittelprüfungen
Provings.infoInformationen zum ArzneimittelOpium

Zurück