Plumbum metallicum

Plumbum metallicum · Plb.

Der verlorene Krieger

Die Geschichte einer ungewöhnlichen Heilung aus dem Buch „Glücksfälle?“
von Christa Gebhard und Jürgen Hansel Goldmann Arkana.

Das Buch kann unter www.naturmed.de bestellt werden.

Ganz entscheidend für die Entwicklung der homöopathischen Betrachtungsweise ist die Einsicht in das, was an einer Krankheit geheilt werden soll. Es geht darum, klar und eindeutig zu erkennen, dass Krankheit in Wahrheit kein lokales übel, sondern eine Störung des ganzen Seins ist. Daraus erwächst die unerschütterliche überzeugung, dass durch die Behandlung der Störung im Zentrum einer Person auch deren lokale Probleme gebessert werden.
Rajan Sankaran

100 Prozent oder Null. Dazwischen gab es nichts, wenn Vijay Chopra ein Projekt durchzog. Ein festes Budget, der Tag X, die neue Fabrik. 90 von Hundert zu haben, genügte nicht. „Wenn nicht alles stimmt, hast du verloren“. Er schaffte es immer. Deshalb ist Vijay, der als Projektleiter in der Hierarchie des Managements ganz unten begann, heute Präsident eines riesigen Pharmaunternehmens in Indien.

Er sagt: „Ich habe mir meine Welt erschaffen“. Stück für Stück. Stufe um Stufe bis an die Spitze. Top. Auch um ihn herum funktioniert alles hundertprozentig, so, wie er es eingefädelt und geplant hat. Seine früheren Chefs, sein Aufsichtsrat, seine ganze Großfamilie, sie alle stellen blind Blankoschecks auf ihn aus: Auf seine Verlässlichkeit, seinen Rat, seine Meinung. Egal, was. Wenn etwas zweifelhaft ist, heißt es: Fragt Vijay! Was er denkt und sagt, ist Gesetz. Das Alles oder Nichts ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen. „Wenn alle Menschen das getan hätten, was ich ihnen geraten habe“, sagt er im Rückblick, „wären keiner von ihnen heute unglücklich.“ Aber einige machten dann doch, was sie wollten, die Uneinsichtigen. Warum nur? Er konnte es damals nicht verstehen. Was für jene um ihn her Glück und Unglück bedeutete, glaubte er zu wissen. Heute zweifelt er daran, denn er weiß jetzt um die Macht des Schicksals. Für die anderen ist er unverändert der, der er immer war: Der Selfmademan. Der Big Boss. Der General. Sie sehen ihn noch immer in voller Rüstung. Und er selbst?

„I feel like a lost warrior“, sagt er nun. Ich bin ein verlorener Krieger. ICH sagt er da, nicht WIR, wie sonst so oft. Vermögend, erfolgreich, körperlich fit, steht er an der Spitze, dirigiert das Unternehmen und managt seinen Clan. Niemand ahnt, dass er sich geschlagen fühlt. Wie ein Kämpfer, der seine Waffen gestreckt hat. „Ich trage eine Maske“, sagt Vijay. Eine Erkenntnis, die ihm die Krankheiten gebracht haben – und deren Heilung durch die Homöopathie. Hat Vijay seine Seele verloren? Oder ist er gerade dabei, sie zu finden ?

Dass nicht alles machbar ist, lehrte ihn sein Körper. Zuletzt vor zwei Jahren, im Jahr „Zwovier“. Da wacht er eines Morgens auf und kann sich nicht bewegen. Erst spürt er den Schmerz, dann realisiert er, dass er seinen Kopf nicht drehen kann. Auf seinem Schädel liegt ein schreckliches, bleiernes Gewicht, tonnenschwer. Den Arm kann er nicht heben, das Bein lässt sich nicht abwinkeln. Nichts reagiert. Er versucht es mit den Fingern. Umsonst. Er kann mit Daumen und Mittelfinger nicht einmal den Zipfel seiner Bettdecke halten. Die ganze rechte Seite seines Körpers ist völlig kraftlos. Vijay lässt sich aus dem Bett fallen. Er schreit nicht, ruft nicht nach seiner Frau. Auf Ellenbogen und Knie der linken Köperseite robbt er vorwärts. Wie ein angeschossener Hund. Zentimeter für Zentimeter. Erreicht das Wohnzimmer, das Telefon, die Kurzwahltaste mit der Privatnummer eines befreundeten Chefarztes. Es ist fünf Uhr früh. Der Doktor sagt: „Das ist ernst.“ Er wagt nicht, ihn in diesem Zustand ins Hospital zu transportieren. Er fürchtet noch größere Schäden, wenn man den Patienten bewegt. Stillhalten also. Und Schmerzmittel einnehmen, die für eine Herde Büffel reichen würden. Der Schmerz weicht nicht. Vorsichtig schafft man Vijay in ein Pflegeheim gleich um die Ecke.

Die Schmerzen bekommt man dort in den Griff, aber die rechte Seite bleibt lahm, ohne jede Kontrolle. Nach drei endlos langen Tagen dann die Computertomographie: Bandscheibenvorfall zwischen Halswirbel vier und fünf. Die verdammte Scheibe attackiert das Rückenmark. Dieser Druck, den er schon früher mal gespürt, aber nicht ernst genommen hat, ist jetzt so massiv, dass er ihn lähmt. Sein Gefühlssystem ist unter Beschuss. Sein Tastsinn, sein Zupacken, sein Handeln. Warum macht denn keiner was ? Zum Glück gibt es noch Dr. Joshipura, der ihm schon einmal in auswegloser Situation geholfen hat. Der rät nach einer Kontrolle des Befundes zu einer sofortigen Notoperation in seiner Klinik. Nerven und Rückenmark, so sagt er, müssten dringend entlastet werden.

Vijay beginnt blitzschnell zu kalkulieren, wie viel Prozent Wahrscheinlichkeit eine Not-Operation rechtfertigen würden. Joshipura ist ein sehr angesehener Chirurg und Präsident des indischen Orthopäden-Kongresses, das trägt ihm in Vijays Augen Punkte ein. Zudem ist er mit ihm blutsverwandt. Weitere Verlässlichkeitspunkte also. Als man ihm vor neun Jahren den sicheren Krebstod vorausgesagt hatte, war es Dr. Joshipura, der die Diagnose der Spezialisten gründlich anzweifelte. Vijay ist damals nicht gestorben, er lebt noch immer. Das alles sind Fakten. Jetzt rät dieser Mann also zu einer Operation. Dringend. Fakt ist aber auch: Rein statistisch liegen in Indien die Erfolgsquoten für Wirbelsäulenoperationen nur bei 30 bis 40 Prozent. Sollte er sich also seine Wirbelsäule aufschneiden lassen, um hinterher zu 60 bis 70 Prozent doch rechtsseitig gelähmt zu bleiben oder vielleicht noch mit weiteren Komplikationen kämpfen zu müssen?

Man konnte nicht vorsichtig genug sein. Immerhin erging die Tumor-Diagnose damals von den ersten Spezialisten des Landes. Wegen eines heftigen Fiebers hatte man ihn erst auf Typhus behandelt, dann auf Malaria. Die Diagnosen wechselten, das Fieber blieb. 20 Tage war er im Krankenhaus und die ärzte hatten immer noch keine Ahnung, was die Ursache dafür war, machten eine Menge Tests, entwickelten alle möglichen Ideen, rätselten über dieses oder jenes. Schließlich entdeckten sie, dass einige Leberwerte und das Alphafetoprotein, ein sensitiver Marker für bestimmte bösartige Tumoren, erhöht waren. Und obwohl im CT absolut nichts zu sehen war, äußerten sie den Verdacht auf ein Leberkarzinom. Lebenserwartung: 6 Monate! Da war er gerade mal 42 Jahre alt.

In seiner Verzweiflung holte sich Vijay damals Rat bei seinem entfernten Verwandten, der immer bestens informiert war über die modernsten Erkenntnisse der medizinischen Forschung. Joshipura studierte die Untersuchungsberichte und hielt die ganzen Testergebnisse nicht für aussagekräftig. „Wenn man darauf so eine Diagnose bauen könnte, dann wäre meine ganze Klinik-Erfahrung umsonst“, sagte er. „Gib nichts auf diese Schlussfolgerung und lass dich bloß nicht auf eine Chemotherapie ein. Mach ein paar Wochen Ferien mit deiner Familie und danach wiederholst du die Tests.“ Gerne folgte Vijay seinem Rat und fuhr für einen Monat in ein Berghotel. Als er nach sechs Wochen die Untersuchungen wiederholen ließ, waren alle Tests bis auf einen Leberwert wieder völlig normal.

War das Glück? Eine Spontanheilung? Waren die Diagnosen und Tests allesamt Laborfehler? Oder aber schlicht sämtliche Schlussfolgerungen der Spezialisten falsch? Auf wen oder was kann man sich eigentlich verlassen, wenn man den sicheren Tod vorausgesagt bekommt? Er hatte damals entschieden, seinem Verwandten und dessen Einschätzung zu vertrauen. Und tatsächlich hatte sich das Problem während seines Aufenthalts in den Bergen in Luft aufgelöst. Aber erklären konnte er sich das alles nicht und als er später dem homöopathischen Arzt Dr. Sankaran von diese Episode berichtete, lachte der nur und meinte: „Ich hätte Ihnen das gleiche gesagt wie Dr. Joshipura.“

Für Dr. Sankaran und dessen Glaubwürdigkeit sprach ebenfalls eine Menge auf Vijays innerer Punkteliste. 1998, drei Jahre nach dem angeblichen Leberkrebs, war dieser Arzt in ähnlich schlimmer Lage zu seinem Retter geworden. Mehrere Wochen lang hatte Vijay immer wieder schreckliche Schmerzattacken im Bauch und natürlich konsultierte er in dieser Zeit Bombays Topärzte für Magen-Darm-Erkrankungen. Sie gaben ihm eine ganze Palette an Schmerzmitteln, Antibiotika und Säureblockern, ohne großen Erfolg. Alles, so Vijay, „was unter der Sonne überhaupt möglich war“, wurde zur Untersuchung herangezogen: Labor, Ultraschall, Farbdoppler, Computertomographie, Magen-Darm-Spiegelung. Ohne Befund. Das Spektrum der Diagnosen reichte von Magengeschwür bis Darmtuberkulose. Sogar eine Bleivergiftung war im Gespräch, weil der Manager ayurvedische Medikamente eingenommen hatte, die auch Blei enthalten können. Der letzte Experte wollte ihn auf Verdacht mit Medikamenten gegen Tuberkulose behandeln. Die Unsicherheit war damals für Vijay fast noch schlimmer als die Schmerzen selbst.

In dieser Situation konsultierte er Dr. Sankaran, der ihm empfohlen war als Homöopath ersten Ranges, und listete diesem genauestens und wohl geordnet die wesentlichen Informationen auf. Der Homöopath schien jedoch weniger an den Fakten als an der besonderen Art seines Schmerzes interessiert. Er fragte ihn immer und immer wieder. „Wie war der Schmerz genau, Mr. Chopra? Erzählen Sie mir mehr darüber!“ Nun, er war schrecklich, so, als ob jemand seinen Oberbauch packen und ihn zusammenpressen würde. Das kam und ging in Wellen. Es half ein wenig, sich zu strecken. Oder die Hände gegen den Bauch zu pressen. Wenn die Schmerzen ihn überwältigten, und er deshalb in Schweiß ausbrach, war das nicht zu verbergen. Wie oft hatten ihn seine Geschäftspartner erschrocken gefragt: „Stimmt etwas mit Ihnen nicht, Mister Chopra?“. Auch wenn er keineswegs geklagt hatte. Es war wie ein überfall, so plötzlich und überwältigend, und löste eine Furcht in ihm aus, als ob eine Bombe explodiert wäre. Dann wusste er nicht mehr, wie er hieß, verlor die Orientierung. Das verunsicherte Vijay außerordentlich.

Dr. Sankaran führte mit ihm ein Gespräch, das zwei Stunden dauerte und in dem er seltsame Dinge fragte. Privates und Intimes kam zur Sprache, auch Träume, und Vijay war bestimmt nicht jemand, der gerne etwas über sein Unbewusstes mitteilte. Aber gerade da hatte Dr. Sankaran nicht locker gelassen. Vijay erinnerte sich genau an sein ständiges Bohren: „Tell me more!“. Und er erzählte mehr über sich, als er eigentlich wollte. Er sprach über seine Arbeit und das Alles-oder-Nichts-Prinzip. Erfolg und Versagen lagen immer nur Millimeter auseinander. Selbst wenn es 99 mal klappte und ein einziges Mal nicht, war alles vergebens, dann hatte alles keinen Wert. „Du bist entweder 100 Prozent oder Null.“ Zero. Nichts. Entweder du überlebst da oben an der Spitze oder du bist tot. In dieser Situation stand er natürlich permanent unter ungeheurer Spannung und einem immensen Druck. So war sein Job und der forderte seinen Tribut.

Hoher Blutdruck und die ständige Einnahme von Betablockern waren die Folge. Und er wurde ziemlich reizbar, obwohl er früher sehr umgänglich, ja sogar so etwas wie ein Happy-Go-Lucky-Typ war. Aber das änderte sich durch die Arbeit und, ja, ganz stark durch die Heirat. Das wurde ihm eigentlich erst im Gespräch mit Dr.Sankaran bewusst. Es war das Zusammenleben mit seiner Frau Akhila, das ihn gleichzeitig aggressiv und introvertiert werden ließ. Ziemlich reizbar hieß für ihn: Im dichten Straßenverkehr von Bombay am liebsten einen anderen Autofahrer beim Kragen packen und ihn schlagen wollen, wenn er ihm in die Quere kam. Es bedeutete, wie ein Tiger im Büro hin und her laufen und ausrasten, wenn jemand nicht pünktlich zu einem Termin erschien. Oder sauer werden, wenn ein Körnchen Salz zu viel oder zu wenig am Essen war. Er ging längst nur noch widerstrebend nach Hause und er konnte sich über Kleinigkeiten maßlos aufregen. Es wurde immer schlimmer und manchmal fragte er sich, wo nur seine Fröhlichkeit von früher geblieben war. Aber er konnte nun einmal die Fehler anderer nicht tolerieren.

Der schwelende Konflikt mit seiner Ehefrau nagte und zehrte permanent an ihm, denn Akhila erfüllte nicht im Entferntesten den mündlichen Vertrag, den sie vor der Heirat vereinbart hatten. Er, smart, erfolgreich, mit Anfang dreißig im besten Alter, war eine sehr gute Partie gewesen. Der Wunsch-Schwiegersohn der ganzen Region. Er hätte jedes Mädchen haben können. Aber er suchte nicht die schönste und reichste aus, sondern setzte andere Prioritäten. Seine zukünftige Frau musste vor allem die Familien- Hierarchie anerkennen: An oberster Stelle kamen seine Eltern, dann seine Geschwister, darunter seine Ehefrau, und dann erst er selbst. Drei von fünf Schwestern und ein jüngerer Bruder konnten damals noch nicht auf eigenen Füßen stehen und lebten bei Vijay. Es war seine moralische Pflicht, sie finanziell zu unterstützen. Aber Akhila ertrug dieses Leben in der Großfamilie nicht, obwohl nur ihre Zustimmung dazu sie zur Ehefrau des wohlhabenden und angesehenen Mannes gemacht hatte. Aus ihrer Sicht hockten Schwiegereltern, Schwager und Schwägerinnen immerzu aufeinander in einem zu kleinen Haus, in dem jeder hören und sehen konnte, was der andere tat, und sie verstellten ihr ständig den Weg zu Vijay, der ohnehin selten da war. So warf sie Steinchen ins Wasser, um Wellen zu schlagen und Unfrieden zu stiften, wo sie nur konnte.

Vijays Groll und seine Abneigung gegen diese Situation wuchsen mit jedem Jahr. Es gab keine verbalen Auseinandersetzungen mit Akhila. Es war auch nicht direkt so, dass er ihr Gesicht nicht mehr sehen konnte oder sie vielleicht verabscheut hätte. Er fühlte sich einfach unverstanden und getäuscht. Gab er ihr nicht alles, was sich eine Frau nur wünschen konnte? Schmuck und teure Kleider, kostspielige Auslandsreisen, Personal, so viel sie wollte. Aber ihre Unzufriedenheit vergiftete die Atmosphäre. Ja, wenn er sein Leben genießen, sein Geld für sich selbst zum Fenster hinauswerfen und sie vernachlässigen würde, dann trüge er die Schuld. Aber so? Er mühte sich ab, damit sie bekam, was sie brauchte, tat alles, was man von einem menschlichen Wesen überhaupt erwarten konnte. Warum nahm sie keine Rücksicht? Sie sollte besser darauf achten, ihn froh zu machen. Wenn er sah, dass seine Eltern und Geschwister glücklich waren, bereitete ihm das Freude, wenn er seine Pflichten erfüllte, war er zufrieden. Wie gerne hätte er auch seine Frau glücklich gesehen. Er gewährte ihr jede Unterstützung, aber in einem Punkt blieb er unbeugsam: Niemals würde er sich von seinen Eltern trennen, sie oder die Geschwister im Stich lassen.

Akhila haderte still, aber sichtbar mit ihrem Schicksal. Vijay wurde immer depressiver, verlor das Interesse an allem, weder Fernsehen noch Kino, noch Literatur konnte ihn fesseln. Wenn Gäste eingeladen waren, wartete er nur darauf, dass sie bald wieder gingen. Nichts machte ihm mehr Vergnügen, er ging nicht aus, weder zum Essen noch zum Einkaufen. Das einzige, was ihn beschäftigte und einigermaßen bei Laune hielt, war die Arbeit. Er verbrachte 10 bis 12 Stunden im Büro und wenn er nach Hause kam, zog er sich sofort zurück unter dem Vorwand, geschäftliche Telefonate zu erledigen. Wegen seiner angegriffenen Gesundheit suchte Vijay einen neuen Job, der mit weniger Reisen verbunden war. Die neue Position brachte ihn noch weiter nach oben, sein Gehalt verdoppelte sich. Stufe für Stufe ging es vorwärts. Auch in seiner Ehe lief es besser, denn eine Schwester nach der anderen verließ das Haus, um zu heiraten, und Akhila bekam ein Kind, das sie besänftigte. Es war eine Tochter.

Vijay hatte nichts gegen ein Mädchen. Aber er war sich vollkommen sicher, dass Frauen in Indien kaum eine Chance hatten, egal ob Analphabet oder hoch gebildet, arm oder Millionär. Für ihn war jeder, der etwas anderes sagte, ein Heuchler. Als bester Beweis diente ihm das Unglück seiner fünf Schwestern, die alle attraktiv, bestens qualifiziert und wohlhabend waren und deren Männer in Spitzenpositionen saßen. Deshalb hatte er beschlossen: „Ist das erste Kind eine Tochter, dann hören wir an dieser Stelle auf“. Nach einem Sohn wäre ein zweites Kind durchaus akzeptabel gewesen. Aber so war das Risiko, zwei Mädchen in diese Welt zu setzen und dieser Gesellschaft auszuliefern, zu groß. Vijay wollte keine weitere Tochter, zu ihrem eigenen Besten. Er wollte sie vor der subtilen Ungerechtigkeit bewahren, die in Indien gegenüber Frauen herrscht. Er wollte verhindern, dass sie diese Tortur erleben und er es mit ansehen musste.

Akhila hatte sein Diktum zu akzeptieren, obwohl sie sich sehr ein zweites Kind wünschte, egal ob Mädchen oder Junge. Wenn sie aber damit anfing, fragte er sie nur: „Bist du denn glücklich mit deiner eigenen Situation oder damit, was deinen Schwestern passiert ist?“ Das musste Akhila ehrlicherweise verneinen und sich deshalb Vijays Familienplanung fügen. Aber irgendwann machte sie dann einen Fehler bei der Empfängnisverhütung und wurde wieder schwanger. Vijay ging es zunächst nicht um eine Abtreibung, aber „wir überlegten, was wir tun sollten.“ Er ließ heimlich einen Test zur Feststellung des Geschlechts machen und „wir realisierten, dass es ein Junge ist“. Wenn es tatsächlich ein Junge war und kein Fehler im Test, sollte es ihm recht sein, ein weiteres Kind aufzuziehen. Für seine erste Tochter würde er sein ganzes Vermögen aufbringen, sie hervorragend ausbilden, keine Kosten und Mühen scheuen, damit sie bekäme, was sie sich wünschte. Das war klar, das war selbstverständlich. Aber weitermachen würde er nur für einen Sohn. Seiner Frau jedoch verschwieg er, dass er über das Geschlecht des Kindes Bescheid wusste.

Da Akhila schon über 35 war, untersuchte man zur Sicherheit im fünften Schwangerschaftsmonat das Fruchtwasser. Die zweimal überprüfte Diagnose war schockierend: Das Kind würde geistig und körperlich behindert sein. Trotzdem erwog Akhila sehr ernsthaft, das Baby zu bekommen. Aber Vijay appellierte an sie: „Dein Leben wird ein endloser Albtraum sein!“ Er erzählte ihr noch immer nicht, dass es ein Junge war, auch nicht, als endlich der Termin zum Abbruch feststand. Vielleicht war es so für sie leichter, denn „wir wollten sowieso kein zweites Mädchen“. Der Schwangerschaftsabbruch war, wie zu befürchten, ein Gemetzel. Damit war das Thema Kind erledigt. Vier Jahre später wurde Akhilas Gebärmutter entfernt wegen eines Frauenleidens.

Er wurde Vorsitzender der neuen Firma, sein Gehalt verfünffachte sich und es ging immer noch weiter nach oben. Seine kleine Tochter Aparajita, was so viel bedeutet wie „die Unbesiegte“,wuchs heran und war zu Vijays Erstaunen bald sein Augenstern, seine Stütze und sein Trost. Wie schön es war, wenn ihn jemand freudig erwartete, sobald er nach Hause kam. Als sich eigentlich alles etwas entspannt hatte, starb sein Vater. Und einige Monate nach diesem Schicksalsschlag überfielen ihn jene abscheulichen Schmerzen in seinem Leib und kein einziger Arzt konnte ihm helfen. Dr. Sankaran hatte die Diagnose Verdacht auf Darmtuberkulose schweigend entgegengenommen und ihn nach der Art des Schmerzes auf der körperlichen wie auch der seelischen Ebene, nach seinen Gefühlen und seinen Träumen ausgefragt. „Tell me more.“ Das war Vijay nicht besonders angenehm. Dennoch öffnete er sich diesem Arzt, weil er auf seinen ausgezeichneten Ruf vetraute.

Nach der zweistündigen Anamnese versprach Dr. Sankaran, dass er ihm helfen könnte. Er äußerte allerdings keine Diagnose und verriet ihm auch nicht den Namen der Medizin. Nur ein paar weiße Globuli bekam Vijay in einem Papierbriefchen und nach drei Tagen waren seine Schmerzen komplett weg. Unfassbar. Es war wie ein Wunder. Er nahm die Arznei noch eine Weile weiter, der Schmerz blieb verschwunden. Als er nach der Diagnose und dem Mittel fragte, wollte Dr. Sankaran, wie er sich ausdrückte, „nicht ins Detail gehen“. Damit fand Vijay sich nur deshalb ab, weil er sich besser und immer besser fühlte und nach einiger Zeit sogar bemerkte, wie sich auch andere Dinge in seinem Leben veränderten. Er wurde freundlicher, umgänglicher und geduldiger. Und er war eher bereit, anderen eine eigene Meinung und ein Recht darauf zu lassen, auch gegen seinen Rat zu handeln. Kollegen und Geschäftspartner bemerkten, wie auffällig tolerant er geworden war, und er hörte von ihnen: „Vijay, du bist ein ganz anderer Mensch.“

Dr. Joshipura steckt den Kopf durch die Tür in Vijays Krankenzimmer. Er will wissen, ob Vijay einverstanden ist mit einem OP-Termin am nächsten Morgen. Aber Vijay ist noch nicht fertig mit seiner Bestandsaufnahme. Seit zwei Wochen liegt er nun halbseitig gelähmt im Bett, aber er kann sich einfach nicht für dieses Risiko entscheiden. Er bittet um einen weiteren Tag Aufschub und um ein starkes Schlafmittel. Während er hinüberdämmert, erinnert er sich an Träume aus seiner Kindheit. Auch davon hatte er Dr. Sankaran erzählt. In einem Traum sah er sich tot daliegen im Kreis seiner weinenden Familie. Es war dasselbe Gefühl, das er später hatte, wenn er von der Arbeit nach Hause kam. Auch da fühlte er sich wie tot. Und da war noch ein Traum, den er sehr häufig träumte. Ein Fallen aus großer Höhe, nachdem er von dort oben heraus katapultiert worden war.

Als Vijay am nächsten Morgen erwacht, ist ihm plötzlich klar, dass alle seine körperlichen Probleme mit der tiefen Erschütterung zusammenhängen, die er seit dem Tod seines Vaters empfindet. Der Bauchschmerz, der ihn in den Monaten danach überfallen hatte wie eine Attacke, ebenso wie diese Lähmung jetzt, fast sieben Jahre später. Der Schock steckt noch immer in ihm, als sei das alles erst gestern geschehen. Was für eine starke Persönlichkeit sein Vater doch gewesen ist, jeder Mensch sollte so sein wie er. Er war seine Sonne. Und er, Vijay, hat ihn getötet.

Die Anwesenheit seines Vaters spürt Vijay immerzu. Von klein auf respektierte und liebte er ihn. Er war sein Mentor und hat seine ganze Entwicklung geprägt. Als hoch angesehener Professor für Literatur, Malerei und Philosophie setzte er eine lange Tradition der Familie fort. Dem Großvater, einem bedeutendem Gelehrten für Sanskrit und klassische Musik, hatte die Regierung nach seinem Tod eine Statue errichtet und sogar eine Straße nach ihm benannt. Ein Onkel war ein bekannter Dichter, Vijays älterer Bruder wurde Professor für Englisch und Sanskrit und Fachmann für vedische Mystik. Ein anderer Bruder ist ein berühmter Priester. Was für ein spiritueller Hintergrund! Und alle hatten sie etwas gemeinsam: Geld war ihnen vollkommen egal.

Vijays Vater war ein begeisterter und begnadeter Lehrer. Aber, wie alle anderen Männer in der Familie, vernachlässigte er die finanzielle Seite des Lebens völlig. Vijay vermutet, dass tausende Studenten bei ihm kostenlos studierten, denn seine einzige Freude am Leben war das Unterrichten. Er gab den Studenten sogar Geld, damit sie sich Bücher kaufen konnten. Das höhlte die finanziellen Ressourcen der Familie total aus und Vijay musste sein ganzes Studium selbst verdienen, obwohl dies in Indien gewöhnlich Sache der Eltern ist. Mit schlecht bezahlten Studentenjobs finanzierte er nicht nur seine eigene Ausbildung, sondern auch die der Geschwister. Auf diese Weise begriff er die existentielle Bedeutung des Geldes unmittelbar. Es ging nicht um persönliche finanzielle Ambitionen. Geld war ein lebensnotwendiges Werkzeug. Wenn die anderen sich nicht darum kümmerten, musste er es tun. Diese Aufgabe wurde zu seinem Lebenszweck. Es verschaffte ihm schließlich die größte Genugtuung, seine Familie zu unterstützen.

Nachdem er die Herausforderungen in seiner Studienzeit erfolgreich bewältigt hatte, glaubte er fest daran, alles erreichen zu können, was er anstrebte. Wenn er etwas wirklich wollte und hart dafür arbeitete, erntete er auch den Erfolg. Das war seine tiefe überzeugung. Und tatsächlich hat er niemals versagt. Bis er diesen einen Fehler machte, der seinem Vater das Leben kostete. Noch heute begreift er es nicht: „Im Falle meines Vaters haben wir jeden gesunden Menschenverstand verloren.“ Selbst wenn er nur eine lächerliche Bohrmaschine kaufte, befragte Vijay sämtliche verfügbaren Fachleute. Und da, wo es um das Herz seines Vaters ging, überließ er die Sonne seines Lebens einem einzigen Arzt, ohne einen anderen Rat einzuholen. „Wir haben das Gefühl, ihn umgebracht zu haben.“ Wie oft liegt Vijay schlaflos und rekapituliert jene Situation, versucht sich zu trösten, redet sich ein, dass er in bester Absicht gehandelt habe und Vaters Zeit zum Sterben nun eben einfach gekommen war. Aber es ist wie gestern, noch ganz lebendig. Vijay weiß nun, wie es ist, zu unterliegen. Er hat den entscheidenden Kampf in seinem Leben verloren.

Nach Papas schwerem Herzanfall riet der behandelnde Internist, die fünf verengten Herzkranzgefäße umgehend mit feinen Drahtgeflechten, so genannten Stents, aufzudehnen und von innen her zu stabilisieren. Heute weiß Vijay, dass dieser Vorschlag absurd war. Wenn so viele Gefäße gleichzeitig betroffen sind, kommt nur eine Bypass-Operation in Frage. Man hätte nicht einmal einen zweiten Herzspezialisten befragen müssen. Ein Blick ins Internet hätte genügt. Aber Vijay war aus Angst um den Vater völlig aus dem Gleichgewicht, total orientierungslos, wie in einen schwarzen Vorhang gehüllt. Und deshalb ließ er den Arzt einfach machen. Unter der Hand bot der geldgierige Katheter-Spezialist Vijay sogar noch ein Geschäft an. Stents bester Qualität, im Handgepäck aus Amerika geschmuggelt, sollten Vijay billiger kommen als die vom Krankenhaus angebotenen. Als wenige Tage nach dem Eingriff Papas Herzschmerzen wiederum zurückkehrten und lebensbedrohlich wurden, verleugnete der Internist auf einmal seine Zuständigkeit. Ein Oberarzt von der Herzchirurgie sprang ein und stellte entsetzt fest, dass hier von Anfang an eine Bypass-Operation nötig gewesen wäre. Der Spezialist für Koronar-Katheter hatte Papas Herzleiden schamlos zu seinem Profit genutzt. Vijays Vater, der dem Urteil seines Sohnes blind vertraut hatte, starb kurz vor einer geplanten Notoperation und Vijay musste hilflos dabei zusehen. Sein erster Impuls war, jenen Scharlatan umzubringen. Doch auch das hätte ihm seine eigene Schuld nicht genommen. Er wusste: Ich habe versagt. Ich habe meinen Vater getötet. Ich bin ein Verbrecher.

Er hatte seinem homöopathischen Arzt vom Tod seines Vaters und seinen Schuldgefühlen erzählt. Der riet ihm damals, Dhyana zu praktizieren, Yoga und Meditation. Bisher hatte Vijay solche Ratschläge immer in den Wind geschlagen. Aber bei Dr. Sankaran war das etwas anderes. Er hatte seine Kompetenz eindeutig bewiesen, sein Wort hatte Gewicht, für ihn war er fast wie ein Guru. Und obwohl Vijay kein religiöser Mensch war, fing er damit an, geistliche Musik zu hören, wenn es sich mit einer Autofahrt zum Büro verbinden lies. Uralte Hindugesänge, die ihn beruhigten und abkühlten. Dhyana übte er nicht so regelmäßig, einmal im Monat vielleicht. Und doch kam langsam das Lächeln zurück, das er schon ganz verloren hatte und zeigte ihm die Dinge in einem anderen Licht. Gleichzeitig war da auch immer häufiger plötzlich ein Gefühl, weinen zu müssen. Eine unerklärliche Emotion in seiner Brust, als ob man ihm eine schlechte Nachricht überbracht hätte, und ebenso anfallsartig eine tiefe Traurigkeit. Wenn dies geschah, nahm er die Medizin, die ihm Dr. Sankaran verschrieben hatte, und nach zehn Minuten ging es ihm jedes Mal besser.

Nun sind seit dem Tod seines Vaters bereits sieben Jahre vergangen und der Schmerz darüber sitzt noch immer in ihm. Ist es dieser Schmerz, der ihn lähmt? Vijay weiß jetzt, wie er sich entscheiden muss. Er lässt Dr. Sankaran anrufen, die Nummer ist in seinem Handy gespeichert. Der Arzt kommt sofort zu ihm ins Krankenhaus. Er sagt: „ Haben Sie keine Angst, Mister Chopra, lassen Sie sich nicht operieren. Es wird alles gut werden.“ Er gibt ihm ein homöopathisches Mittel und zwei Tage später kommt das Gefühl in Vijays Hand zurück, er kann den Wasserkrug wieder heben und das Betttuch selbst wieder zurecht ziehen, bis er sich schließlich wieder ganz normal bewegen kann. Es ist wiederum unfassbar. Ein zweites Wunder. Die Rettung von einem unvorstellbaren Unheil: Vijay, Patriarch und Firmenboss, ein Leben lang gelähmt im Rollstuhl. Es wäre der Horror für alle gewesen.

Seine Tochter Aparajita, mittlerweile 17 Jahre alt, hüpft vor Freude wie ein kleines Mädchen und Vijay Chopra würde Dr. Sankaran am liebsten die Füße küssen. Er vertraut ihm nun fast ohne Vorbehalt. Offensichtlich war der medizinische Erfolg mit diesen schlimmen Bauchschmerzen damals nicht bloß Zufall, sondern Folge der homöopathischen Behandlung gewesen. Ja, es ist großartig: „Wir sind komplett geheilt“. Er muss sich keiner unkalkulierbaren Operation unterziehen, er bleibt nicht gelähmt, sondern ist handlungsfähig wie eh und je. Von nun an konsultiert Vijay Dr. Sankaran bei allem, was in seinem Umfeld anfällt. Erkältungen, Knieprobleme, aber auch schwere Krankheiten in der Familie und im Freundeskreis. Immer mit 100prozentigem Erfolg. Dr. Sankaran ist künftig über alle Zweifel erhaben. Aber an sich selbst zweifelt Vijay immer mehr.

Auch wenn die anderen ihm immer wieder bestätigen, wie viel umgänglicher, toleranter und mitfühlender er nun sei, kann er sich nicht an dieser Veränderung freuen. Wohl hat er gelernt, dass er nicht alles kontrollieren kann. Er gesteht den andern zu, auch einmal Fehler zu machen. Wenn sie nicht auf ihn hören wollen, ist er bereit, es dem Allmächtigen zu überlassen. Es ist ihr Schicksal, ihre Vorsehung. Selbst Aparajita, seinem Augenstern, sieht er es nach, dass sie lieber selbst für sich entscheidet. Er hat sich wirklich verändert seit Beginn der homöopathischen Behandlung. Aber hinter seinem neuen Gleichmut spürt er keine erhabene Gelassenheit, sondern die tiefe Resignation des geschlagenen Kriegers, dieses Gefühl einer Niederlage, das sich mit seiner Ehe in sein Leben geschlichen hatte, das ihn beherrscht seit dem Tod des Vaters und das nicht nachlassen will. Nach außen ist seine Welt so topp wie sie immer war. Vijay steht als Präsident unangefochten an der Spitze seines Unternehmens und seines Clans. Jeder Erfolg wird ihm zugeschrieben, wenn etwas schief geht, sind andere daran schuld. Er aber versteht jetzt, dass er in Wirklichkeit gar nicht der Kommandeur ist. Nichts liegt in seiner Macht. Eine innere Stimme, die immer lauter wird, sagt ihm: „Alles nur Manipulation. Alles Fassade. Du trägst eine Maske.“ Niemand weiß davon, nur er selbst.

Vijay muss neuerdings oft an seinen Bruder denken, den bekannten Prediger. Wie oft hat der ihm gesagt: „Du musst aus diesem Hamsterrad deiner Karriere ausbrechen. Wenn du einmal mit 60 zurückblickst, wirst du jammern: Oh, ich habe mein Leben vergeudet! Auf diesem Weg kommst du nie an ein Ziel und erlangst Befreiung, du musst für dich selbst das herausfinden, was dir Frieden, Glück und Trost gibt. Mach nur mit deinem Job weiter, aber sei dir darüber klar, dass das, was du greifen willst, gar nicht existiert. Wenn du General Manager bist, willst du Vizepräsident werden, wenn du das bist, willst du Chairman werden. Es nimmt kein Ende, selbst wenn du der Eigentümer der Firma sein solltest, würdest du denken: Ich bin nicht Bill Gates, ich habe noch nicht alles erreicht.“

Erst heute ist Vijay wirklich bewusst, was sein Bruder gemeint hat. Seine Entwicklung seit dem Tod des Vaters ist eine Art Wandlungsprozess, wie er andere Manager auch betreffen kann. Die alten Werte zählen nicht mehr. Das Geld, der Erfolg, sie haben ihre Magie verloren. Nun fragt er sich, was er seiner Tochter auf den Weg geben kann. Wer weiß hier eigentlich wirklich Bescheid? Was ist es, was in ihm hämmert, gärt, hindurch brechen will? So lange Vijay sich für einen verlorenen Krieger hält, spielt er noch immer das alte Spiel. 100 Prozent oder Null. Dabei steht er kurz vor der Erkenntnis. „Verlassen Sie Ihre Rüstung, Mr. Chopra. Tell me more. Gehen Sie einen Schritt weiter. Vertrauen Sie mir.“

Kommentar:

Was für eine brillante Erfolgsgeschichte! Gleich zweimal wurde Vijay von schwerer physischer Krankheit geheilt und vor risikoreichen Behandlungsmaßnahmen bewahrt. Der Patient ist seinem Arzt dafür unendlich dankbar und er vertraut ihm heute voll und ganz. Doch Dr. Sankaran ist noch nicht zufrieden mit Vijay Chopra. Obwohl der Manager äußerlich wieder genesen ist, hängt er in seinem Inneren fest. Immer noch an der gleichen Stelle wie damals, vor 7 Jahren, als er kurz nach dem Tod seines Vaters mit unerträglichen Bauchschmerzen zu Dr.Sankaran kam. „Ich habe meinen Vater umgebracht“, hatte er gesagt. An dieser Schuld ist er zerbrochen, er hat –so glaubt er – sein Leben damit verwirkt.

Keiner hatte die heftigen Schmerzen damals erklären können. Die führenden ärzte Bombays konnten trotz großen technischen Aufwands keine zuverlässige Diagnose stellen. Für Dr. Sankaran dagegen war dies kein besonders schwieriger Fall. Als Homöopath kann er auch ohne eine exakte Krankheitsdiagnose gezielt behandeln, wenn die Gesamtheit der Symptome auf körperlicher, seelischer und geistiger Ebene dem Muster einer homöopathischen Arznei entspricht. Vijays Beschwerden und seine individuellen Eigenheiten erfüllten diese Bedingung mustergültig. Seine ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmale und die Art, sich zu präsentieren, wiesen von Anfang an in eine bestimmte Richtung. Ein Mann wie er, Workaholic, leistungsorientiert, erfolgreich und hart in der Durchsetzung seiner Ziele, der immer alles planen und organisieren muss, selbst das Erstgespräch beim Homöopathen, damit er ja nicht die Kontrolle verliert – so ein Mister 100% ist aus homöopathischer Sicht ein erstklassiger Kandidat für eine Arznei aus der Gruppe der Metalle. Wenn er dann noch zeitlebens die Verantwortung für andere übernommen und sich eine mächtige Führungsposition erworben hat, denkt man in erster Linie an die Schwermetalle aus der sechsten Reihe des Periodensystems der Elemente. Die bekanntesten Vertreter dieser Arzneigruppe in der Homöopathie sind Platin, Gold, Quecksilber und Blei. In den Lebensgeschichten von Menschen, deren Simile aus dieser Gruppe kommt, geht es häufig um solche Themen wie Verantwortung und Macht, um deren Erwerb, Erhalt oder Verlust.

Eine homöopathische Arznei für Vijay Chopra kann aber nicht alleine auf Grund der Eigenart seines Charakters ausgewählt werden. ähnlich wie bei Pieter in der Geschichte „Rot und Blau“ geht auch Vijays Krankheit ein psychisches Trauma voraus, das als Causa, als auslösender Faktor, ein hochwertiges Symptom darstellt. In diesem Fall steht der Tod des Vaters am Beginn des Leidensweges. Für die homöopathische Analyse zählt allerdings weniger das Ereignis an sich als die individuelle Reaktion auf das Trauma. Vijay reagiert nicht einfach mit Trauer oder Kummer, er leidet vor allem an extremen Schuldgefühlen. Denn die Causa hat genau die Bruchstelle eines Mister 100 % getroffen, der niemals auch nur den kleinsten Fehler machen darf. Ausgerechnet in einer besonders kritischen Situation seines Lebens hat Vijay Chopra völlig versagt. Seine Reaktion „tadelt sich selbst“ aus dem Gefühl heraus, „er habe seine Pflichten vernachlässigt“ – hier in der Sprache der homöopathischen Repertorien wiedergegeben – ist charakteristisch für Aurum, das homöopathisch potenzierte Gold. Doch Vijays Selbstvorwürfe gehen weiter und steigern sich bis zu der „Wahnidee, ein Verbrechen begangen zu haben“. Unter dem Eintrag dieses Symptoms in den Repertorien findet sich ein anderes Schwermetall, das dem Gold sehr nahe steht: Plumbum metallicum, Blei. Neben Gold steht Blei noch in einer weiteren Rubrik, die der emotionalen Reaktion Vijays auf den Tod seines Vaters entspricht: Gefühl, „er habe durch eigenes Verschulden seine Gnadenfrist verspielt“, will heißen, sein Leben verwirkt.

Die Entscheidung zwischen Gold und Blei fällt auf Grund der körperlichen Beschwerden. Welche Symptome Plumbum metallicum in diesem Bereich auslösen kann, wissen wir vor allem aus der Toxikologie, die eine wichtige Quelle unserer homöopathischen Arzneikenntnis der Schwermetalle und anderer giftiger Substanzen ist. Das Bild der Bleivergiftung war schon zu Zeiten von Hippokrates gut bekannt. Zu den typischen Symptomen zählen die sogenannten Bleikoliken, heftigste unerträgliche Bauchschmerzen, die in Wellen kommen und durch Druck gebessert werden. Vijays Schmerzen hatten den gleichen Charakter wie Bleikoliken und die gleiche Besserung durch Druck, obwohl er nicht durch Blei vergiftet war. Einer der Gastroenterologen, der aufgrund der Symptomatik Verdacht geschöpft hatte, konnte das ausschließen. Die ähnlichkeit mit dem Vergiftungsbild, verbunden mit Vijays Persönlichkeit und seiner Reaktion auf die traumatische Erfahrung qualifizierten Plumbum metallicum zum Simile für die ungeklärten Bauchschmerzen dieses besonderen Menschen. Die Gabe von fünf Globuli reinen Bleis in der Potenz C 200 beseitigte sein körperliches Problem dauerhaft. Gleichzeit ließ die Reizbarkeit nach und Vijay wurde umgänglicher und geduldiger.

Doch der Stachel seiner Schuld steckte zu tief, als dass er ihn zusammen mit den Schmerzen abgestoßen hätte. Er quälte ihn über viele Jahre, bis eine neue physische Erkrankung auftrat, schwerer noch als die erste. Das Problem, ausgelöst durch einen Vorfall der Bandscheibe zwischen dem vierten und fünften Halswirbel, ging dieses Mal bis ins Mark. Für den Homöopathen sprach wieder alles für Plumbum. Lähmungserscheinungen, Gefühlsstörungen und Nervenschmerzen sind ebenso typisch für die Vergiftung mit diesem Schwermetall wie die Bleikoliken. Und der Hintergrund dieser Krankheit, das unbewältigte Trauma des „Vatermordes“, hatte sich in den Jahren seit der ersten erfolgreichen homöopathischen Behandlung nicht geändert.

Es ist auch gar nicht weiter ungewöhnlich, dass unterschiedliche Krankheiten einer Person im Laufe ihres Lebens immer wieder die gleiche Simile-Arznei erfordern. Denn der Ansatzpunkt für die homöopathische Behandlung ist ja die Konstitution eines Menschen mit ihrer besonderen Reaktionsweise und ihren Schwachstellen in ganz verschiedenen Bereichen. Wir haben bereits bei Ruth und ihrer Arznei Ignatia gesehen, wie eine auf die Konstitution bezogene, gut gewählte Arznei als Arkanum wirken kann, als ein Allheilmittel in allen Lebenslagen. Aus dieser Erfahrung schließen einige Homöopathen, dass es für jeden Menschen ein einziges Konstitutionsmittel geben müsse. Auch wenn dieses Postulat sehr umstritten ist, scheint es zumindest auf Vijay zuzutreffen. Plumbum bewirkte bei ihm ein zweites Wunder, noch erstaunlicher als das erste.

Dass Dr. Sankaran dennoch nicht ganz glücklich über seinen Erfolg ist, liegt an dem besonderen Verständnis von Krankheit und Heilung in der Homöopathie. Krankheit wird nicht als lokales Problem des Darmes oder der Bandscheibe gesehen, sondern als Ausdruck einer Störung des ganzen Menschen, einer „krankhaften Verstimmung seiner Lebenskraft“, wie Hahnemann formulierte. Rajan Sankaran spricht von einer „zentralen Störung“ als Wurzel lokaler, peripherer Krankheitssymptome. Wahre Heilung muss an dieser Wurzel ansetzen. Es genügt deshalb nicht, wenn unsere homöopathische Arznei den Lokalsymptomen entspricht, sie muss den Kern des Problems erfassen. Und wir erwarten, dass dann die Heilung vom Zentrum her erfolgt, dass sie – wie Constantin Hering schon im 19. Jahrhundert an zahlreichen Behandlungsverläufen beobachtete – von innen nach außen fortschreitet. Nach dieser Heringschen Regel sollte beispielsweise ein Asthma bronchiale vor einem Hautausschlag heilen und es sollte einem Patienten psychisch besser gehen, noch bevor seine körperlichen Beschwerden ganz abgeklungen sind.

Auch Vijay spürt eine psychische Veränderung unter der homöopathischen Behandlung, er wird umgänglicher und toleranter und nimmt wieder mehr am Leben teil. Er ist nicht mehr der Alte. Doch das ist nicht nur angenehm für ihn. Denn er ist aus seiner angestammten Rolle gefallen. Die Arbeit, das Lebenselixier für einen Workaholic, schmeckt auf einmal schal und die Rüstung seines Perfektionismus schützt und glänzt nur noch nach außen. Eine leere Hülle. Der Krieger hat den Sinn seiner Existenz verloren. Wie ist diese innere Entwicklung zu bewerten? Während die neurologischen Symptome des Bandscheibenvorfalls völlig abgeklungen sind, bietet sein psychischer Zustand das Bild einer Depression. Nach der beschriebenen Regel scheint das kein günstiger Verlauf zu sein. Heilung, so stellte Constantin Hering fest, verläuft jedoch nicht nur von innen nach außen, sondern auch von jetzt nach früher. Alte Probleme verschwinden später als neue Symptome. Und das, was zuletzt heilt, so die Erfahrung von Rajan Sankaran an vielen hundert Patienten, ist die tief verwurzelte neurotische Fehlhaltung eines Menschen, die Verzerrung der Wahrnehmung, die seinem individuellen Reaktionsmuster zu Grunde liegt. Sie löst sich nur ganz langsam und oft lange nach der Heilung körperlicher Beschwerden auf.

Im Laufe dieses Prozesses können lange eingeübte Abwehr- und Kompensationsmechanismen zusammenbrechen mit der Folge, dass sich ein Mensch seiner Schwäche und Verletzlichkeit zum ersten Mal wirklich bewusst wird. So geschehen mit Vijay Chopra, der sich nun hinter der Maske des erfolgreichen Managers mit seiner Fehlbarkeit und seinen Versagensängsten konfrontiert sieht. Dies kann für ihn ein wichtiger, wenngleich schmerzvoller Schritt zu innerer Heilung sein. Sein Selbstbild in dieser Krise entspricht nach wie vor dem Arzneimittelbild von Blei. Der holländische Homöopath Jan Scholten beschreibt in seiner Darstellung dieser Arznei genau Vijays Gefühl von Gleichgültigkeit, Indifferenz und Leere hinter einer Maske, hinter einer Fassade, die für die Gesellschaft aufrecht erhalten wird. Er empfiehlt Plumbum metallicum für Menschen, die nicht von der Macht lassen können, obwohl sie sie bereits verloren haben. Vieles spricht also dafür, dass Vijay weiterhin sein Konstitutionsmittel benötigt. Wie oft und wie lange er es noch einnehmen muss und ob er seine Schuldgefühle jemals überwinden wird, wissen wir nicht. Manchmal fragt ihn sein Vater im Traum: Alles okay, Vijay?

Das Buch „Glücksfälle?“ kann unter www.naturmed.de bestellt werden.

Provings.infoInformationen zur Systematik
und Arzneimittelprüfungen
Provings.infoInformationen zum Arzneimittel
Zurück